Der unbekannte Schadow (Dr. Gerd Stein)
 
Johann Gottfried Schadow hat nur ein einziges plastisches Selbstbildnis, das in Form eines zeitgenössischen Gipsabgusses existiert, hinterlassen. Auch für Freunde oder Familienangehörige vervielfältigte er es nicht. In der Literatur wird darin ein Hinweis auf die Ernsthaftigkeit und den Bekenntnis-Charakter dieser Porträtbüste gesehen. Weiter
Als ich die en-face-Ansicht dieses Selbstbildnisses den Schülern zweier neunter Klassen mittels einer Farbfolie auf dem Projektor zeigte, erkannte niemand unseren Namenspatron. Und gut zwei Stunden lang blieb seine Identität auch ein Geheimnis; jeder mußte sich ausschließlich auf seine eigenen Eindrücke verlassen, die von jener projizierten Plastik zu beziehen waren. Hätte ich den Namen gleich preisgegeben, wäre sofort ein kaum beherrschbares Gegackere ausgebrochen, und jeder Versuch, sich vorbehaltlos auf die Physiognomie einzulassen, wäre gescheitert. Es handelte sich also um einen Test, bei dem es nicht um die Schüler, sondern um die Art der Ausstrahlung eines Künstlerkopfes auf 15jährige Gymnasiasten ging.
Schnell war ein Katalog von Attributen erstellt. Mit Abstand am häufigsten wurde angegeben, daß dieser Kopf nachdenklich, intelligent, klug, ruhig und bescheiden wirke. Relativ oft hieß es dann noch, der junge Mann sei naiv, kindlich, gutmütig, hilfsbereit, einfühlsam, gutgläubig und sanftmütig. Etliche fanden ihn etwas abwesend, verloren, erschrocken, versunken, träumerisch und unentschlossen oder sahen ihn als schüchtern, unsicher und ängstlich an. Und einer kleinen, nicht einfach zu ignorierenden Minderheit stellte er sich als ein wehleidiges, weinerliches, verhätscheltes Menschenkind dar. Auf die Frage, welchen Beruf der Unbekannte wohl haben könnte, wurde fast einhellig geantwortet, daß er ein Künstler oder ein Schriftsteller sei. 
Auch Musiker, Student, Psychologe oder Mönch sei denkbar. Pfarrer komme auch in Betracht, denn er habe ein Gesicht, das anderen Hoffnung mache. Beachtlich waren wiederum die wenigen aus dem Rahmen fallenden Einschätzungen, daß es sich nämlich der gewissen Pausbäckigkeit wegen um einen Koch oder Bäckerlehrling handeln werde. Was aber würde jener junge Mann - gesetzt, er wäre hier – an der Schadow-Schule besonders gut oder sehr schlecht oder höchst merkwürdig finden? Von der Zumutung, die solcherlei Rollenspiel für rechtschaffene Geister normalerweise darstellt, war nichts zu spüren. Der Quell begann sofort zu sprudeln. Besonders gut fände unser Mister Nobody die Minikurse und die Projekttage, die Schülervollversammlungen, die freie Konversation unter den Schülern während der Pausen, überhaupt die lockere Art an der Schule mitsamt dem lockeren Lehrer-Schüler-Verhältnis, die vielen Fachräume, den insgesamt interessanten Unterricht, die zahlreichen AG’s und speziell die Umwelt-AG, daß der Umgang untereinander ohne alle Befangenheit möglich ist, daß die alten Sprachen noch immer gelernt werden und daß es vor allem die neuen praktischen Getränkeautomaten gibt. Sehr schlecht fände er die beschmierten Wände und Toiletten, die häßlichen, eintönigen, kahlen Klassenräume, den Schmutz überall, die großen Klassen, daß so viele rauchen, daß manchmal gestohlen wird, die allgemeine Disziplinlosigkeit, die Unhöflichkeit zwischen den Schülern und Lehrern, die Gewalttätigkeit, mit der manche ihren Frust ablassen, daß manchmal ordinär gesprochen wird, daß es zuwenig Material in den Fachräumen gibt, daß manche Lehrer nicht motiviert genug in den Unterricht gehen, daß kleine Schüler nicht genug Respekt vor größeren haben und daß die Schritte auf den Fluren so widerhallen.
                           . . . .  Z u r  S e i t e  2
 
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