Das Modell des Schulbaus |
a Das Vorwort, das Mebes für diesen Sammelband verfaßt hat, ist äußerst aufschlußreich. Nach einer wütenden Philippika gegen historistische Architektur und den "sogenannten Jugendstil" ("unglaubliche Geschmacklosigkeit", "charakterloses Zeug", "Lug und Trug und krasse Unbildung" etc.) empfiehlt er als Abhilfe den konsequenten Rückgriff auf Stilformen des achtzehnten Jahrhunderts. Zitat: "(...) Ein ganz anderes Bild zeigt sich uns, wenn wir unsere Blicke auf die Bauten und handwerklichen Erzeugnisse lenken, die im 18. Jahrhundert und um die Wende desselben geschaffen worden sind. |
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| Der Architekt der damaligen
"Oberrealschule zu Zehlendorf", der heutigen Schadowschule, Paul Mebes, hat
durchaus Spuren in der Architekturgeschichte - nicht nur Berlins -
hinterlassen. Allerdings hat sich das Interesse an seinem Werk deutlich
verschoben; während in "Wasmuths Lexikon der Baukunst" von 1931die
Oberrealschule noch den ersten Platz unter den Hauptwerken Mebes einnimmt, wird
sie im "Berlin Handbuch" von 1992 nicht einmal mehr erwähnt, obwohl sich
Paul Mebes selbst mehr als dreißigmal im Register
tummelt.
Ein Grund dafür dürfte in dem veränderten Interessenschwerpunkt der Architekturrezeption liegen. In den sechziger und siebziger Jahren entstand ein massives Interesse am sozialen Wohnungsbau, während die Aufmerksamkeit für Repräsentationsbauten aller Art deutlich zurückging. Da sich Mebes im späteren Verlauf seiner Karriere vor allem mit Siedlungsbauten beschäftigt hatte, überdeckte dieser Aspekt seiner Arbeit offenbar zunehmend das Interesse an seinen sonstigen Entwürfen. Seine Siedlungsbauten sind ausführlich durch Sekundärliteratur gewürdigt worden, und über das Verwaltungsgebäude der Nordsternversicherung in Schöneberg, erbaut 1913/14, gibt es immerhin eine kleine Monografie. Nur die Schadowschule geht leer aus, wenn man einmal von einem kleinen Sonderdruck zur Eröffnung der Schule 1914 absieht, der sicher wenig Verbreitung gefunden hat. Der wichtigere Grund für das mangelnde Interesse der Nachwelt an dem Gebäude liegt wohl in Mebes' künstlerischem Credo begründet. Die Schadowschule ist - rein architektonisch natürlich - ein verblüffend unzeitgemäßes Gebäude. Die benachbarte Beuckeschule, damals ein Gymnasium, entspricht weit eher dem, was man sich von einer Schule erwartet, die um die Jahrhundertwende konzipiert wurde. Ein 1904 erschienenes kleines Buch "Das künstlerisch gestaltete Schulhaus" empfiehlt zum Beispiel einen möglichst auffälligen stilistischen Mischmasch bei der Fassadengestaltung, eine "reichere Ausbildung, wo dann der Passant stehen bleibt, um sich von der Zweckbestimmung des Hauses erzählen zu lassen", eine Art Einführung also in Stilkunde und in die Erhabenheit vaterländischer Geschichte. Dieses Prinzip setzt sich fort bis in die Ausstattung der Klassenräume hinein (Empfohlen wird eine bildnerische Trias von "Schäfers Sonntagslied", "Christus lehrend" und "Einsegnung der Freiwilligen 1813"). Gemessen an diesen Empfehlungen sind die Fassade und die alte Ausstattung der Innenräume in der Schadowschule ausgesprochen schlicht gehalten. Man
könnte die Schule aufgrund der kargen Ornamentik und ihres klaren
Fassadenaufbaus leicht in den frühen Klassizismus datieren, jedenfalls
weit eher als in das Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Andererseits
enthält die Fassade einige Modernismen, etwa das fehlende Gesims zwischen
zweitem und drittem Stock oder die sehr schlichte Fenstergestaltung, die
für den Klassizismus untypisch sind. Ein Jahr
zuvor nämlich war ein Sammelband mit Fotografien erschienen, den Paul
Mebes selbst herausgegeben hatte. Er zeigt verschiedene Gebäude, die alle
um achtzehnhundert entstanden sind. Titel der beiden Bände: "Um 1800.
Architektur und Handwerk im letzten Jahrhundert ihrer traditionellen
Entwicklung." |
a Einschränkungen noch vollauf entspricht." Oder: "Wie uns eine schlicht gekleidete Frau ohne jeden Schmuck, allein durch die edle Gestalt und die Anmut der Haltung schön erscheint, so wird uns auch ein Bauwerk ohne Ornament vollauf ästhetisch genügen, wenn die Hauptbedingungen (...) glücklich gelöst sind." Diese eigentümliche Position zwischen konservativem und zukunftsweisendem Gedankengut, die Mebes mit wenigen Einschränkungen offenbar lebenslänglich beibehielt, hat das Aussehen der Schadowschule geprägt, und dem Architekten seinen historisch undankbaren Notsitz zwischen Historismus einerseits und Moderne andererseits eingebracht. Ein Gebäude, das ganz offensichtlich einen unmittelbaren Einfluß auf die Gestaltung der Schadowschule gehabt hat, findet sich übrigens ebenfalls in dem erwähnten Sammelband: Das um 1800 von Lohe entworfene Friedrich Wilhelms-Gymnasium in der Berliner Friedrichstraße. Der gesamte Fassadenaufbau ist dem der Schadowschule außerordentlich ähnlich, einzelne Details wie die Gestaltung des Aulaaufgangs sind fast identisch. Trotz seiner konservativen Grundhaltung, die die Ablehnung der Moderne wie des Historismus gleichermaßen impliziert, war Paul Mebes in anderer Beziehung durchaus auf der Höhe seiner Zeit. Alte Aufnahmen der Schule zeigen, mit welcher Sorgfalt der Innenausbau und selbst die Möblierung der Schule durchgeführt war. Leider ist die ehemalige Ausstattung der Schule nur ungenügend dokumentiert, aber an dem besser dokumentierten Nordstern-Verwaltungsgebäude zeigt sich deutlich die Akribie, mit der Mebes kleinste Details, wie etwa die elektrischen Schalter, selbst entworfen und in das Gesamtkonzept miteinbezogen hat. Offensichtlich hat er auch die Schadowschule ähnlich konsequent
durchgeplant; man kann dies aus dem kleinen Aufsatz schließen, den Mebes
zu der Eröffnungsfestschrift beigesteuert hat. Die wenigen Fotos zeigen
eine sparsame Ornamentik und eine klare Gliederung der Flächen; das
gleiche gestalterische Prinzip, das auch die Fassade auszeichnet.
Bleibt aus
heutiger Perspektive nachzutragen: Der Entwurf von Paul Mebes hat sich
bewährt. Die Schule ist trotz ihrer derzeitigen personellen
Überforderung (man vergleiche nur einmal das ehemalige Lehrerzimmer mit
dem heutigen Zustand) ein sinnvoll geplantes Gebäude, das bei aller
Wärme eine angenehm sachliche Atmosphäre ausstrahlt. Die
Entwürfe der konkurrierenden Architekten sind leider nicht mehr erhalten;
aber es hätte mit Sicherheit sehr viel schlimmer kommen
können. (Verfaßt von
Andreas Fecht, Kunstlehrer an der Schadowschule, für die Festschrift zum
100jährigen Jubiläum) |