Der Architekt Paul Mebes (Andreas Fecht)
Modell
Das Modell des Schulbaus
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Das Vorwort, das Mebes für diesen Sammelband verfaßt hat, ist äußerst aufschlußreich. Nach einer wütenden Philippika gegen historistische Architektur und den "sogenannten Jugendstil" ("unglaubliche Geschmacklosigkeit", "charakterloses Zeug", "Lug und Trug und krasse Unbildung" etc.) empfiehlt er als Abhilfe den konsequenten Rückgriff auf Stilformen des achtzehnten Jahrhunderts. Zitat: "(...) Ein ganz anderes Bild zeigt sich uns, wenn wir unsere Blicke auf die Bauten und handwerklichen Erzeugnisse lenken, die im 18. Jahrhundert und um die Wende desselben geschaffen worden sind. 
 
Der Architekt der damaligen "Oberrealschule zu Zehlendorf", der heutigen Schadowschule, Paul Mebes, hat durchaus Spuren in der Architekturgeschichte - nicht nur Berlins - hinterlassen. Allerdings hat sich das Interesse an seinem Werk deutlich verschoben; während in "Wasmuths Lexikon der Baukunst" von 1931die Oberrealschule noch den ersten Platz unter den Hauptwerken Mebes einnimmt, wird sie im "Berlin Handbuch" von 1992 nicht einmal mehr erwähnt, obwohl sich Paul Mebes selbst mehr als dreißigmal im Register tummelt.

Ein Grund dafür dürfte in dem veränderten Interessenschwerpunkt der Architekturrezeption liegen. In den sechziger und siebziger Jahren entstand ein massives Interesse am sozialen Wohnungsbau, während die Aufmerksamkeit für Repräsentationsbauten aller Art deutlich zurückging. Da sich Mebes im späteren Verlauf seiner Karriere vor allem mit Siedlungsbauten beschäftigt hatte, überdeckte dieser Aspekt seiner Arbeit offenbar zunehmend das Interesse an seinen sonstigen Entwürfen. Seine Siedlungsbauten sind ausführlich durch Sekundärliteratur gewürdigt worden, und über das Verwaltungsgebäude der Nordsternversicherung in Schöneberg, erbaut 1913/14, gibt es immerhin eine kleine Monografie. 

Nur die Schadowschule geht leer aus, wenn man einmal von einem kleinen Sonderdruck zur Eröffnung der Schule 1914 absieht, der sicher wenig Verbreitung gefunden hat. Der wichtigere Grund für das mangelnde Interesse der Nachwelt an dem Gebäude liegt wohl in Mebes' künstlerischem Credo begründet. Die Schadowschule ist - rein architektonisch natürlich - ein verblüffend unzeitgemäßes Gebäude. Die benachbarte Beuckeschule, damals ein Gymnasium, entspricht weit eher dem, was man sich von einer Schule erwartet, die um die Jahrhundertwende konzipiert wurde. Ein 1904 erschienenes kleines Buch "Das künstlerisch gestaltete Schulhaus" empfiehlt zum Beispiel einen möglichst auffälligen stilistischen Mischmasch bei der Fassadengestaltung, eine "reichere Ausbildung, wo dann der Passant stehen bleibt, um sich von der Zweckbestimmung des Hauses erzählen zu lassen", eine Art Einführung also in Stilkunde und in die Erhabenheit vaterländischer Geschichte. Dieses Prinzip setzt sich fort bis in die Ausstattung der Klassenräume hinein (Empfohlen wird eine bildnerische Trias von "Schäfers Sonntagslied", "Christus lehrend" und "Einsegnung der Freiwilligen 1813"). Gemessen an diesen Empfehlungen sind die Fassade und die alte Ausstattung der Innenräume in der Schadowschule ausgesprochen schlicht gehalten. 

Man könnte die Schule aufgrund der kargen Ornamentik und ihres klaren Fassadenaufbaus leicht in den frühen Klassizismus datieren, jedenfalls weit eher als in das Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Andererseits enthält die Fassade einige Modernismen, etwa das fehlende Gesims zwischen zweitem und drittem Stock oder die sehr schlichte Fenstergestaltung, die für den Klassizismus untypisch sind.
Mebes selbst nennt einen Grund für diese Schlichtheit in dem bereits erwähnten Sonderdruck: Die Oberrealschule mußte sich dem in unmittelbarer Nähe gelegenen Gymnasium durch einfache Formen und Zurückhaltung im Reichtum der Details unterordnen. Auch die Entscheidung für einen einfachen Backsteinrohbau führt Mebes auf die Nähe des ranghöheren Gymnasiums zurück. Andererseits paßt diese Schlichtheit so perfekt in Mebes künstlerisches Konzept, daß sich der Verdacht aufdrängt, er habe sich des benachbarten Gymnasiums nur als Argumentationshilfe bedient, um gegenüber den Juroren seinen zweifellos ungewöhnlichen Wettbewerbsentwurf durchsetzen zu können.

Ein Jahr zuvor nämlich war ein Sammelband mit Fotografien erschienen, den Paul Mebes selbst herausgegeben hatte. Er zeigt verschiedene Gebäude, die alle um achtzehnhundert entstanden sind. Titel der beiden Bände: "Um 1800. Architektur und Handwerk im letzten Jahrhundert ihrer traditionellen Entwicklung." 
 

 
Treppenhaus
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Fast alle Bauten dieser Zeit atmen durchweg einen Geist, der unseren heutigen Anschauungen und Ansprüchen mit unwesentlichen
Einschränkungen noch vollauf entspricht." Oder: "Wie uns eine schlicht gekleidete Frau ohne jeden Schmuck, allein durch die edle Gestalt und die Anmut der Haltung schön erscheint, so wird uns auch ein Bauwerk ohne Ornament vollauf ästhetisch genügen, wenn die Hauptbedingungen (...) glücklich gelöst sind." Diese eigentümliche Position zwischen konservativem und zukunftsweisendem Gedankengut, die Mebes mit wenigen Einschränkungen offenbar lebenslänglich beibehielt, hat das Aussehen der Schadowschule geprägt, und dem Architekten seinen historisch undankbaren Notsitz zwischen Historismus einerseits und Moderne andererseits eingebracht.

Ein Gebäude, das ganz offensichtlich einen unmittelbaren Einfluß auf die Gestaltung der Schadowschule gehabt hat, findet sich übrigens ebenfalls in dem erwähnten Sammelband: Das um 1800 von Lohe entworfene Friedrich Wilhelms-Gymnasium in der Berliner Friedrichstraße. Der gesamte Fassadenaufbau ist dem der Schadowschule außerordentlich ähnlich, einzelne Details wie die Gestaltung des Aulaaufgangs sind fast identisch.  Trotz seiner konservativen Grundhaltung, die die Ablehnung der Moderne wie des Historismus gleichermaßen impliziert, war Paul Mebes in anderer Beziehung durchaus auf der Höhe seiner Zeit. Alte Aufnahmen der Schule zeigen, mit welcher Sorgfalt der Innenausbau und selbst die Möblierung der Schule durchgeführt war. Leider ist die ehemalige Ausstattung der Schule nur ungenügend dokumentiert, aber an dem besser dokumentierten Nordstern-Verwaltungsgebäude zeigt sich deutlich die Akribie, mit der Mebes kleinste Details, wie etwa die elektrischen Schalter, selbst entworfen und in das Gesamtkonzept miteinbezogen hat.

Offensichtlich hat er auch die Schadowschule ähnlich konsequent durchgeplant; man kann dies aus dem kleinen Aufsatz schließen, den Mebes zu der Eröffnungsfestschrift beigesteuert hat. Die wenigen Fotos zeigen eine sparsame Ornamentik und eine klare Gliederung der Flächen; das gleiche gestalterische Prinzip, das auch die Fassade auszeichnet.
Das deckt sich mit den Idealen des 1908 gegründeten Werkbundes, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Qualität des deutschen Handwerks wieder zu erneuern, das durch die radikale Industrialisierung so erhebliche Qualitätseinbußen zu verzeichnen gehabt hatte, daß es vor allem im Ausland nicht mehr verkäuflich war. Auf der Pariser Weltausstellung um 1900 hatte der deutsche Pavillon Spott und Hohngelächter ausgelöst. Der Werkbund propagierte unter anderem die erneute Verknüpfung von Architektur und Inneneinrichtung zu einer schlüssigen Gesamtheit, und offensichtlich war Mebes von diesen Idealen stark geprägt.

Bleibt aus heutiger Perspektive nachzutragen: Der Entwurf von Paul Mebes hat sich bewährt. Die Schule ist trotz ihrer derzeitigen personellen Überforderung (man vergleiche nur einmal das ehemalige Lehrerzimmer mit dem heutigen Zustand) ein sinnvoll geplantes Gebäude, das bei aller Wärme eine angenehm sachliche Atmosphäre ausstrahlt. Die Entwürfe der konkurrierenden Architekten sind leider nicht mehr erhalten; aber es hätte mit Sicherheit sehr viel schlimmer kommen können.
Und vielleicht erleben wir ja doch noch irgendwann, daß durch den Ausbau des Speichers mehr Platz geschaffen und das Observatorium im Turm wieder hergestellt wird.

(Verfaßt von Andreas Fecht, Kunstlehrer an der Schadowschule, für die Festschrift zum 100jährigen Jubiläum)
 

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