Mitlehrer! Gäste!
Abiturienten! Hört mich an!
Begraben will ich 13 Schuljahr'
UND sie preisen.
Was Lehrer, Schüler
Übles tun, das überlebt sie,
das Gute wird mit ihnen
oft begraben.
So sei es aber nicht
mit Schadows,
so aber nicht mit diesem
Abi-Jahrgang. Der edle Burkhard
hat euch gesagt, was SEINE
Meinung war,
und Burkhard ist ein ehrenwerter
Mann.
Ich will, was Burkhard sprach,
nicht widerlegen,
ich spreche hier von dem
nur was ICH weiß.
Hier, an Frau Baumanns,
der nach Rom Gereisten, Stelle,
komm' ich, beim Abi-Abgesang
zu reden.
Ich bin kein Redner, wie
es Brutus war,
nur, wie ihr alle
wißt, ein schlichtes Weib,
der Schule und den Schülern
treu ergeben, und das wußten die
gar wohl, die mir gestattet
haben, heute hier zu reden.
Doch keine Bange: Es soll dies
trotz dieser shakespeareschen Anklänge kein Grabgesang und keine Trauerrede
werden: Feiern Sie, liebe Abiturientinnen (jawohl!) und Abiturienten, doch
heute einen Tag, auf den Sie 13 oder gar 14 Jahre hingearbeitet haben und
den Sie sicher, je näher er rückte, desto inniger herbeigesehnt
haben; einen Tag der unbändigen Freude und des Stolzes, der knallenden
Sektkorken, der lauten Musik und Ausgelassenheit, weil Sie endlich von
den Fesseln dieser Schule, dem unentbehrlichen Halsband der Jugend laut
Robert Walser, befreit, oder gar, wie Thomas Bernhard, einer der größten
Sinnlosigkeiten, dem Gymnasium, entkommen sind, wo Sie Kurse wählen,
Pflichtstunden absitzen, Klausuren schreiben und erfindungsreiche
Entschuldigungszettel liefern mußten.
Sie haben nun das Abitur,
d. h., abgeleitet von neulateinisch abiturium, der Weggang, oder klassischer
die im Lateinunterricht so äußerst beliebte Form abitur - man
geht weg. Sie gehen also weg: Exitis, evaditis, erumpitis,
wie Cicero sagen würde. Sie gehen hinaus, Sie machen sich davon,
Sie stürzen sich mit Ungestüm in ein neues Leben.
Hinter sich lassen Sie dieses
vertraute Backsteingebäude in der Beuckestrabe mit seinem Roten Turm,
dem in Rauchschwaden gehüllten griechischen Portal, den lärmdurchfluteten
Gängen, der graffitiverzierten Sockelgeschoßenge, dem zuasphaltierten
Schulhof, der vom ersten Sonnenstrahl an heiß begehrten Freiklasse,
dem nur mit Sportschuhen zu betretenden Sportplatz. Hinter sich lassen
Sie auch ein reichhaltiges Konzert-, Kultur- und Reiseangebot. Und hinter
sich lassen Sie nicht zuletzt die Lehrer, von denen Sie offensichtlich,
darf man Ihren persönlichen Äußerungen im Abi-Buch
trauen, leider nur sehr wenig fürs Leben gelernt haben.
Die von Ihnen zurückgelassene
Schule, die von Ihnen zurückge-lassenen Lehrer werden nun ohne Sie
auskommen müssen. Daran sind wir gewöhnt; wachsen doch zum Trost
wieder neue Siebtkläßler nach. Schule, das ist kontinuierliches
Kommen und Gehen, ein - für die subjektive Empfindung eines Lehrers
in immer kürzer werdenden Abständen - sich Wiederholen von Abschied
und Begrüßung. Was aber bedeutet dies für einen Lehrer?
Nichts, sagen Sie vielleicht,
reine Routine, alle Jahre wieder ... Nein, sage ich Ihnen, Lehrer sind
auch Menschen, wie Sie, Lehrer haben auch Gefühle, wie Sie, Lehrer
können sich auch freuen und traurig sein, wie Sie. Man kann als Lehrer
noch so viele Schülergenerationen von winzigen Siebtkläßlern
zu erwachsenen Abiturienten heranreifen sehen, es ist immer wieder faszinierend,
die unterschiedlichen Entwicklungen zu beobachten und daran vielleicht
manchmal mehr Anteil zu nehmen, als Sie denken. Ob Sie es glauben oder
nicht, es ist möglich, daß Schüler und Schülergruppen
einem Lehrer regelrecht ans Herz wachsen. Und dann bedeutet Abschied nehmen,
wie ein französisches Sprichwort sagt, ein wenig zu sterben:
Partir, c'est toujours un peu mourir, jedes Jahr ein wenig mehr.
Von den diesjährigen
93 Abiturienten sind mir nur 13 unbekannt, von den übrigen 80 kenne
ich manche flüchtig, viele gut, einige sehr gut. Der permanente
Versuch, die mir 1987 anvertraute 9d in meiner Begeisterung für Frankreich
und alles Französische bis hin zum Leistungskurs mitzureißen,
das für mich abenteuerliche, weil noch unerprobte Neuland Skifahrt,
der arbeits- und emotions-intensive Ausflug in die südliche Sonne
der Provence - sur le pont d'Avignon et sur et sous le Pont du Gard,
Ost-West-Austausch in Greifswald, Lateinisches nicht im Mini-, sondern
Miniaturkurs, römische Herbstferienerlebnisse privat-klassenfahrtlicher
Art, viele markante Schülerpersönlichkeiten, viele vertraute
Gespräche, viel Herzlichkeit und Wärme, viel außergewöhnliches
Engagement für Jahrbuch, Abibuch und Abifeier, voilà:
... meine ganz persön-lichen Eindrücke und Erinnerungen, die
mir von diesem Abi-Jahr-gang bleiben werden.
Sie haben nun also das Abitur.
Das ist eine Leistung, gewiß; das ist die erste bedeutende
bestandene Prüfung Ihres Lebens, gewiß; das ist ein Grund zur
Freude, gewiß; hüten Sie sich jedoch davor, diesem Schein zuviel
Zauberkraft beizumessen - soooo etwas Besonderes ist er nun auch
wieder nicht; sind doch, laut Tagesspiegel, wo über 30 % aller
Jugendlichen als Abiturienten die Schule verlassen und Hochschulen über
deren mangelnde Studier-fähigkeit klagen, Wert und Stellung des Abiturs
immer mehr ins Schußfeld der öffentlichen Diskussion geraten.
Dieses lang begehrte Blatt Papier in der Tasche garantiert Ihnen noch nicht
a priori eine glückliche und gesicherte Existenz, es öffnet Ihnen
lediglich die Tür zu einem Leben voll ungeahnter Möglichkeiten,
die es zu nutzen gilt. Es klingt banal und ausgetreten, wenn ich
dies sage, aber der Ernst des Lebens beginnt erst jetzt, wo Sie, ohne den
Zwang der Schulpflicht, in freier, eigener Entscheidung die Weichen für
Ihr zukünftiges Leben stellen.
Toi, toi, toi für diesen
vielleicht schon klar vorgezeichneten, vielleicht eher unsicheren, vielleicht
noch völlig unbekannten und sicherlich nicht immer leichten Weg. Mögen
Sie die richtige Entscheidung treffen und einen Lebensweg finden, der Ihren
Fähigkeiten voll entspricht, der Ihr Begeisterungs- und Leistungs-potential
zur optimalen Entfaltung bringt und Sie so - per aspera ad astra - zum
Erfolg führt. Verlassen Sie den eingeschlagenen Weg nicht bei der
ersten Unebenheit; denken Sie in schwierigen Momenten an die Worte des
römischen Dichters Catull: Perfer et obdura - Bleib standhaft
und halte durch!
Sollten Sie eine besonders
steile Karriere und ein besonders dickes Portemonnaie anstreben, behalten
sie dabei doch immer im Auge, wie leicht die Verführung der Macht
und des Geldes auf moralische Abwege und in die menschliche Irre führen
kann, daß Glück nicht nur in Äußerlichkeiten, sondern
vor allem in inneren Werten besteht, daß, wie Hermann Hesse es treffend
formuliert, der wahre Beruf des Menschen ist, zu sich selbst zu kommen.
Horazens epikureisches carpe
diem ist spätestens seit dem Club der toten Dichter jugendliches
Gemeingut geworden. Zwei Wörter nur, und doch, welch eine Philosophie:
Das Leben als das große Geschenk der Götter, von dem es jeden
Tag, jede Stunde, jeden Augenblick zu nutzen, zu genießen, ja auszukosten
gilt, als sei es der letzte; denn eilig entflieht die neidische
Zeit, und kein Mensch weiß, wann ihn das letzte Stündlein ereilt.
Der Tod ist allgegenwärtig.
Heute vor 18 Jahren, Klasse
11a, Direktorhaus I: Burkhard ist tot. Potsdamer Chaussee mit seinem
Motorrad auf einen geparkten Laster geknallt. NIE werde ich diesen Tag
vergessen. Auch Fritz, Roland und Stephan, auf ihrem Motor-
und Fahrrad ausradiert, erlebten es nicht mehr, wie ich, zu den Klängen
von Herrn Kotschens In die Ferne das Abiturzeugnis aus Herrn Zöllners
und Herrn Arnolds Händen entgegenzunehmen. Andrea und Jörg
kehrten nach dem Abi aus Griechenland nicht mehr zurück - Autounfall.
Sabine, der Schule Schönste und Berliner Grasski-meisterin,
starb an Leukämie; ein anderer ehemaliger Mitschüler kürzlich
an Aids. Der Tod hat reiche Lese gehalten in meinem Abijahrgang.
Warum erzähle ich Ihnen
dies alles? Weil ich Ihren Mut zwar sehr bewundere, weil mir Ihr Übermut
aber auch manchmal Angst und Bange macht; weil ich Sie ein wenig nachdenklich
machen möchte; weil ich Ihnen wünsche, daß Sie klug, vernünftig
und vorsichtig mit Ihrem Leben umgehen - Sie haben nur dies eine!
Und dies noch dazu in einer
Welt, die von ständigen Neuorientie-rungen, Unsicherheiten, Krisen,
politischer Ratlosigkeit und Borniertheit, unsinnigem Blutvergießen,
Zerstörungen, Flücht-lingsströmen, Hunger, Elend, Naturkatastrophen,
Krankheiten, Gewalt, Grausamkeit, Terror, Drogen, Prostitution, Kindesmi
Umweltzerstörung etc. etc. etc. gerüttelt und ge-schüttelt
wird; so jedenfalls flimmert es uns Zehlendorfer Wohlstandsinselbewohnern
tagtäglich über die heimische Mattscheibe.
Was wir Berliner hingegen
hautnah erleben, das ist das deutsch-deutsche Wiedervereinigungsdrama,
das ist das deutsch-deutsche Stasi-Trauma, das ist die Bonn-Berliner
Hauptstadt-Tragödie. Die Euphorie des 9. November ist verflogen. Die
Mauer in den Köpfen ist stabiler als die aus Stein. West-Abiturienten
über Ost-Abiturienten: Die sind schüchtern, angepaßt, diszipliniert,
aber auch etwas stur und nervig. Ost-Abiturienten über West-Abiturienten:
Die sind locker, frech, reich, selbstbewußt, karrieristisch und berechnend.
In dieser Welt, in dieser
Gesellschaft, in diesem wiedervereinigten und dennoch zweigeteilten Staat
müssen Sie Ihren Platz finden, sich behaupten, Verantwortung übernehmen.
Hier wird sich zeigen, inwieweit die Schule ihrem Bildungsauftrag, Sie
zu mündigen Staatsbürgern zu erziehen, gerecht geworden ist.
Hier wird sich zeigen, ob Sie es zu schätzen wissen, auf der freien
Seite der Mauer geboren zu sein; ob Sie den neuen Mitbürgern vorurteilsfrei,
tolerant und hilfreich zur Seite stehen; wie sich die bislang so verwöhnten
Berliner Herren der Schöpfung mit der nun fälligen, aber - ach!
- so unbequemen Wehrpflicht arrangieren oder auseinandersetzen; ob Sie
Politik passiv als etwas nicht zu Änderndes über sich ergehen
lassen oder aktiv in sie eingreifen. Im Zweifelsfalle halten Sie sich an
Karl Jaspers: Der einzelne ist mitverantwortlich für das Ganze durch
alles, was er tut. Er ist in einem noch so geringen Maße mächtig.
Im weniger idealen Falle passiert's dann, wie die Geschichte gelehrt hat,
frei nach Erich Kästner: An allem Unfug, der passiert, sind nicht
etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.
Wie wird sie wohl aussehen,
Ihre Rolle in der Gesellschaft, was wird aus Ihnen geworden sein, im Jahre
2002, beim zehnjährigen Abitreffen? Werden Sie vielleicht auch feststellen,
wie Udo Lindenberg: Letzte Woche war'n Klassentreffen, da sah ich sie
wieder, die mißglückten Helden, die jetzt Beamte sind; die Bonnies
and Clydes von früher jetzt als Herr und Frau Bieder, die Power von
damals ist leider hin. Und Fritz, der Cowboy, wurde nur Manager bei
der Müllabfuhr ...
Doch zurück von der
Zukunftsmusik in die Gegenwart. Im Hic et nunc gilt vermutlich nur
ein Prinzip: Nihil agere delectat. Nichtstun erquickt. Kaum zu glauben,
daß der alte Cicero auch solche Sätze von sich gegeben hat.
Dies erquickende Nichtstun werden Sie sicherlich bald mit Reisen füllen.
Dies zumindestens haben Sie bei Schadows gut gelernt. Sollten Sie demnächst
die entferntesten Winkel der Welt zu erforschen suchen, so vergessen Sie
bei aller eventuellen Palmenstrandeuphorie doch nicht die beiden
faszinierenden europäischen Kulturmetropolen, die ich Ihnen zur Erweiterung
des Horizonts und der Seele immer ganz besonders ans Herz zu legen trachtete:
Rom, die ewige Stadt, mit der nahezu 3000-jährigen Geschichte, von
der Werner Bergengruen schwärmt: Wer einmal, und sei es für
eine noch so sparsam bemessene Zeit, in Rom war, der hat in Jahrhunderten
und in Jahr-tausenden gelebt. Er hat eine Erhabenheit der Anschauung
gewonnen, die ihm seine alltäglichen Kleinlichkeiten und Kümmernisse
in ihrer Nichtigkeit dartut.
Und dann, so ganz anders,
Paris, diese schillernde Stadt der Künstler und Lebenskünstler,
der Eleganz und des savoir vivre, der Adelspaläste und futuristisch-megalomanen
Bauformen. Ernest Hemingway hat mit Recht gesagt: Wenn du das Glück
hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt
für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst, denn
Paris ist ein Fest fürs Leben.
Dieses und viele andere Feste
fürs Leben wünsche ich Ihnen und bin nun still, denn a) meint
Thomas Carlyle, daß Schweigen so tief wie die Ewigkeit, Reden so
flach wie die Zeit sei und b) wollen Sie ja nun endlich Ihre Abiturzeugnisse
entgegennehmen.
Die letzten Worte des Kaisers
Augustus kann ich mir allerdings im Hinblick auf Ihren Weggang nun doch
nicht verkneifen:
Klatscht Beifall, Freunde,
die Komödie ist zu Ende.
(Claudia
Rapsch)
|
|
Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten!
Das große Ziel ist
erreicht! Die jahrelangen Mühen haben sich gelohnt; alle Klassenarbeiten
und Klausuren sind nicht umsonst geschrieben; das viele Lernen - oft auch
lästiger und unendlich ferner Fakten - war nicht vergeblich. Lohnt
sich da ein "Blick zurück in Zorn"? Ist es nicht vielmehr an der Zeit,
gelegentlichen Ärger und zeitweilige Enttäuschungen zu vergessen,
um sich der Stunden zu erinnern, die anregend, spannend oder gar unterhaltend
waren in diesen langen dreizehn Jahren? Denn wer sich aufgeschlossen gezeigt
hat, konnte erkennen, daß "fröhliche Wissenschaft" nicht unbedingt
die Erfindung eines Philosophen ist. Ich muß allerdings bekennen,
wie wenig es gerade in meinen Fächern, d.h. in Geschichte und Politik,
aber auch in moderner Literatur zu lachen gibt. Aber darauf werde ich später
noch zu sprechen kommen, denn wenn Sie heute, liebe Abiturientinnen und
Abiturienten, den sogenannten Schritt ins Leben wagen, wäre es unglaubwürdig,
Ihnen einzureden, Sie gingen hinaus "in die beste aller Welten". Viel eher
gilt wohl Hamlets Feststellung: "Die Welt ist aus den Fugen." Es ist hier
nicht der geeignete Ort, mich mit den erschreckenden Ereignissen des vergangenen
Wochenendes auseinanderzusetzen, wenngleich aus dem Blickwinkel der Probleme,
die ich hier ansprechen will, das Verbrechen von Solingen als ein Symptom
dafür erscheint, daß "etwas faul ist im Staate" Deutschland.
Diejenigen, die mich längere
Zeit im Unterricht ertragen mußten, mögen mir verzeihen, wenn
ich hier einige Aspekte anspreche, die Ihnen bekannt vorkommen müßten.
Aber es erschiene mir unredlich, mich und meine Überzeugungen bei
dieser Gelegenheit zu verleugnen. Eine trübe Stimmung hat um sich
gegriffen, eine Mischung von Politikverdrossenheit und Kulturpessimismus,
eine gefährliche Mischung, die sich bald gegen die Vertreter und Institutionen
unseres Staates, bald gegen die Inhalte und Träger unserer Kultur
und Bildung richten. Wo liegen die Wurzeln für diese bedenkliche Tendenz?
Sie sind vielfältig und keineswegs - das wäre natürlich
das Bequemste - bei den Kritikern, Skeptikern und Zweiflern selbst zu suchen.
Diese Tendenzen erwachsen aus objektiven Ursachen. Einige von Ihnen möchte
ich hier ansprechen.
Da gibt es die Ratlosigkeit
und das Ungeschick der Verantwortlichen gegenüber den Herausforderungen
im vereinigten Deutschland, ein unüberschaubar weites Feld, das von
der Hilflosigkeit gegenüber handfesten materiellen Bedürfnissen
bis zum psychologischen Ungeschick beim Umgang mit Menschen reicht. Und
es liegt ein anderes, umfassenderes Problem vor. Immer stärker setzt
sich bei vielen Menschen die Erkenntnis durch, daß wir an die "Grenzen
des Wachstums" gestoßen sind: Die Ressourcen der Erde erschöpfen
sich, die moderne Technik kann nicht alle Fragen der Menschheit lösen,
die geschundene und ausgeplünderte Natur schlägt vielerorts zurück,
und es dämmert in manchen Kreisen die Erkenntnis, daß den technologischen
Machern unerbittliche Schranken gesetzt sind, auch wenn interessierte Kreise
aus Politik und Wirtschaft uns weiterhin optimistische Trugbilder vorgaukeln.
Vielfach werden zwar die Probleme erkannt, aber alle Ansätze zu ihrer
Bewältigung gehen in einem Schwall von Phrasen unter. Zuweilen folgt
auf richtiges Erkennen ein falsches Handeln, häufig erwächst
klaren Einsichten nur wirrer Aktionismus oder dumpfe Tatenlosigkeit.
Hier liegt eine weitere Wurzel
des allgemeinen Mißmuts. Ich möchte in diesem Zusammenhang von
Kommunikationslosigkeit in einer Zeit uferlosen Geredes sprechen. Kennzeichnend
hierfür ist das Phänomen der Talkshow, wo über alles gesprochen
aber nichts geklärt wird. Wenn HorvZths Gestalten in ihrem "Bildungsjargon"
mit Bruchstücken von Wissen kokettieren, so scheint in den Talkshows
und anderswo Unwissen zum Prinzip geworden zu sein; die Sprache dient mit
ihren Floskeln, Redensarten und Worthülsen nur noch der Verschleierung
der Gedankenarmut und der Bemäntelung der eigenen Unsicherheit. Je
häufiger dabei betont wird, man wolle "ganz konkret" etwas aussagen,
desto nichtssagender und verwaschener werden die Formulierungen; je öfter
behauptet wird, man "gehe von etwas aus", desto eklatanter und offensichtlicher
erscheinen die Bodenlosigkeit und Richtungslosigkeit im Denken und Handeln.
"Die heutige Zeit ist eine
verkehrte Welt", heißt es einmal bei Horváth, und wenn wir
uns mit offenen Augen umsehen, wird diese Aussage vielfältig bestätigt.
Die Medien stochern im Privatleben der Politiker, statt deren öffentliches
Wirken zu analysieren und zu kritisieren. Die Werbung klärt weder
auf, noch erweckt sie Interesse für Produkte, sondern sie stößt
in ihrer lächerlichen Aufdringlichkeit nur ab. Die Regisseure unserer
Theater inszenieren nicht mehr die Stücke der Autoren, sondern nur
noch sich selbst und werden dafür von den Kritikern als "Stückezertrümmerer"
gefeiert.
Es hat alles seinen Tiefpunkt
erreicht", behauptet eine Gestalt von Thomas Bernhard. Müssen wir
uns dieser düsteren Aussage anschließen, oder können wir
noch hoffen? Gibt es noch eine Perspektive? Oft muß es scheinen,
als habe Thomas Bernhard recht. Gerade vor wenigen Tagen klagte eine Schülerin
im Unterricht, sie könne sich nicht vorstellen, "wie das alles weitergehen
solle". Und dennoch: Es wäre falsch, vor den schier unüberwindlich
wirkenden Bergen von Schwierigkeiten in Resignation zu verfallen. Noch
längst haben uns nicht materielle Not und Auflösung der demokratischen
Institutionen überwältigt. Der Rückzug ins Private, das
alleinige Streben nach Geld, Macht und Karriere wäre die entschieden
falsche Reaktion auf die außerordentlichen Herausforderungen unserer
Zeit. Das Gefährlichste wäre in diesem Moment, das Feld den "Feinden
der offenen Gesellschaft" zu überlassen, all jenen Rattenfängern
aus Politik, Sekten und Religionsersatz, die gerade junge Menschen einfangen
wollen mit holzschnittartigen Lösungen der Probleme, mit ihren Trugbildern
von Geborgenheit in einer diktatorisch geführten Organisation mit
totalitärem Anspruch. All diese scheinbar sicheren Wege führen
zur geistigen Verödung des einzelnen, zur Auslöschung der Individualität
und schließlich zur Zerstörung des freiheitlichen Gemeinwesens.
Gerade dieses Schreckbild, das meines Erachtens hinter all den zuvor skizzierten
objektiven Mängeln in Staat und Gesellschaft lauert, sollte Sie, liebe
Abiturientinnen und Abiturienten, dazu ermutigen, sich der Flut der bedrohlichen
Zeittendenzen entgegenzustemmen. Das muß nicht unbedingt in politischen
Parteien und Gewerkschaften sein; auch in Alltag und Beruf gibt es genügend
Gelegenheiten, gefährlichen Strömungen zu widerstehen sowie dem
Geist richtig verstandener Aufklärung und der Vernunft Wege zu eröffnen
und somit Bürgersinn und öffentliche Tugenden zu entfalten.
Sie haben in den letzten
Jahren das geistige Rüstzeug erhalten, in dieser Gesellschaft eine
verantwortungsvolle Rolle zu übernehmen. Sie wurden mit Wissen ausgestattet
und haben die Methoden der geistigen Auseinandersetzung kennengelernt.
Machen Sie von Ihren Möglichkeiten in Ihrem weiteren Leben fruchtbringenden
Gebrauch. Ihre Aufgabe ist bedrückend groß, und es handelt sich
um eine mächtige Herausforderung. Packen Sie diese Aufgabe entschlossen
an! Ich wünsche Ihnen dazu viel Mut und Selbstbewußtsein!
(Wolfgang
Schelz) |