Abiturreden2 aaa
Den Jahrgang 1992 verabschiedete Claudia Rapsch und den Jahrgang 1993 Wolfgang Schelz (inzwischen pensioniert) mit folgenden Reden.
  
                 Rednerin Abitur 1992 Claudia Rapsch
                 

 
 

Abiturreden

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         Redner Abitur 1993  Wolfgang Schelz

              

 
    Mitlehrer! Gäste! Abiturienten! Hört mich an!
      
    Begraben will ich 13 Schuljahr' UND sie preisen.
    Was Lehrer, Schüler Übles tun, das überlebt sie,
    das Gute wird mit ihnen oft begraben.
    So sei  es aber nicht mit Schadows,
    so aber nicht mit diesem Abi-Jahrgang. Der edle Burkhard
    hat euch gesagt, was SEINE Meinung war,
    und Burkhard ist ein ehrenwerter Mann.
    Ich will, was Burkhard sprach, nicht widerlegen,
    ich spreche hier von dem nur was ICH weiß.
    Hier, an Frau Baumanns, der nach Rom Gereisten, Stelle,
    komm' ich, beim Abi-Abgesang zu reden.
    Ich bin kein Redner, wie es Brutus war,
    nur, wie  ihr alle wißt, ein schlichtes Weib,
    der Schule und den Schülern treu ergeben, und das wußten die
    gar wohl, die mir gestattet haben, heute hier zu reden.

Doch keine Bange: Es soll dies trotz dieser shakespeareschen Anklänge kein Grabgesang und keine Trauerrede werden: Feiern Sie, liebe Abiturientinnen (jawohl!) und Abiturienten, doch heute einen Tag, auf den Sie 13 oder gar 14 Jahre hingearbeitet haben und den Sie sicher, je näher er rückte, desto inniger herbeigesehnt haben; einen Tag der unbändigen Freude und des Stolzes, der knallenden Sektkorken, der lauten Musik und Ausgelassenheit, weil Sie endlich von den Fesseln dieser Schule, dem „unentbehrlichen Halsband der Jugend“ laut Robert Walser, befreit, oder gar, wie Thomas Bernhard, „einer der größten Sinnlosigkeiten, dem Gymnasium, entkommen“ sind, wo Sie Kurse wählen, Pflichtstunden absitzen, Klausuren schreiben und erfindungsreiche  Entschuldigungszettel liefern mußten.

Sie haben nun das Abitur, d. h., abgeleitet von neulateinisch abiturium, der Weggang, oder klassischer die im Lateinunterricht so äußerst beliebte Form abitur - man geht weg. Sie gehen also weg:  Exitis,  evaditis,  erumpitis, wie Cicero sagen würde. Sie gehen hinaus,  Sie machen sich davon, Sie stürzen sich mit Ungestüm in ein neues Leben.

Hinter sich lassen Sie dieses vertraute Backsteingebäude in der Beuckestrabe mit seinem Roten Turm, dem in Rauchschwaden gehüllten griechischen Portal, den lärmdurchfluteten Gängen, der graffitiverzierten Sockelgeschoßenge, dem zuasphaltierten Schulhof, der vom ersten Sonnenstrahl an heiß begehrten Freiklasse, dem nur mit Sportschuhen zu betretenden  Sportplatz. Hinter sich lassen Sie auch ein reichhaltiges Konzert-, Kultur- und Reiseangebot. Und hinter sich lassen Sie nicht zuletzt die Lehrer, von denen Sie offensichtlich, darf man  Ihren persönlichen Äußerungen im Abi-Buch trauen,  leider nur sehr wenig fürs Leben gelernt haben.

Die von Ihnen zurückgelassene Schule, die von Ihnen zurückge-lassenen Lehrer werden nun ohne Sie auskommen müssen. Daran sind wir gewöhnt; wachsen doch zum Trost wieder neue Siebtkläßler nach. Schule,  das ist kontinuierliches Kommen und Gehen, ein - für die subjektive Empfindung eines Lehrers in immer kürzer werdenden Abständen - sich Wiederholen von Abschied und Begrüßung. Was aber bedeutet dies für einen Lehrer?
Nichts, sagen Sie vielleicht, reine Routine, alle Jahre wieder ... Nein, sage ich Ihnen, Lehrer sind auch Menschen, wie Sie, Lehrer haben auch Gefühle, wie Sie, Lehrer können sich auch freuen und traurig sein, wie Sie. Man kann als Lehrer noch so viele Schülergenerationen von winzigen Siebtkläßlern zu erwachsenen Abiturienten heranreifen sehen, es ist immer wieder faszinierend,  die unterschiedlichen Entwicklungen zu beobachten und daran vielleicht manchmal mehr Anteil zu nehmen, als Sie denken. Ob Sie es glauben oder nicht, es ist möglich, daß Schüler und Schülergruppen einem Lehrer regelrecht ans Herz wachsen. Und dann bedeutet Abschied nehmen, wie ein französisches Sprichwort sagt, ein wenig zu sterben:  Partir, c'est toujours un peu mourir, jedes Jahr ein wenig mehr.

Von den diesjährigen 93 Abiturienten sind mir nur 13 unbekannt, von den übrigen 80 kenne ich manche flüchtig, viele gut, einige sehr gut.  Der permanente Versuch, die mir 1987 anvertraute 9d in meiner Begeisterung für Frankreich und alles Französische bis hin zum Leistungskurs mitzureißen, das für mich abenteuerliche, weil noch unerprobte Neuland Skifahrt, der arbeits- und emotions-intensive Ausflug in die südliche Sonne der Provence -  sur le pont d'Avignon et sur et sous le Pont du Gard,  Ost-West-Austausch in Greifswald, Lateinisches nicht im Mini-, sondern Miniaturkurs, römische Herbstferienerlebnisse privat-klassenfahrtlicher Art, viele markante Schülerpersönlichkeiten, viele vertraute Gespräche, viel  Herzlichkeit und Wärme, viel außergewöhnliches Engagement für Jahrbuch, Abibuch und Abifeier, voilà:  ... meine ganz persön-lichen Eindrücke und Erinnerungen, die mir von diesem Abi-Jahr-gang bleiben werden.

Sie haben nun also das Abitur. Das ist eine Leistung,  gewiß; das ist die erste bedeutende bestandene Prüfung Ihres Lebens, gewiß; das ist ein Grund zur Freude, gewiß; hüten Sie sich jedoch davor, diesem Schein zuviel  Zauberkraft beizumessen -  soooo etwas Besonderes ist er nun auch wieder nicht; sind doch,  laut Tagesspiegel, wo über 30 % aller Jugendlichen als Abiturienten die Schule verlassen und Hochschulen über deren mangelnde Studier-fähigkeit klagen, Wert und Stellung des Abiturs immer mehr ins Schußfeld der öffentlichen Diskussion geraten. Dieses lang begehrte Blatt Papier in der Tasche garantiert Ihnen noch nicht a priori eine glückliche und gesicherte Existenz, es öffnet Ihnen lediglich die Tür zu einem Leben voll ungeahnter Möglichkeiten, die es zu nutzen gilt. Es klingt banal  und ausgetreten, wenn ich dies sage, aber der Ernst des Lebens beginnt erst jetzt, wo Sie, ohne den Zwang der Schulpflicht, in freier, eigener Entscheidung die Weichen für Ihr zukünftiges Leben stellen.

Toi, toi, toi für diesen vielleicht schon klar vorgezeichneten, vielleicht eher unsicheren, vielleicht noch völlig unbekannten und sicherlich nicht immer leichten Weg. Mögen Sie die richtige Entscheidung treffen und einen Lebensweg finden, der Ihren Fähigkeiten voll entspricht, der Ihr Begeisterungs- und Leistungs-potential  zur optimalen Entfaltung bringt und Sie so - per aspera ad astra - zum Erfolg führt. Verlassen Sie den eingeschlagenen Weg nicht bei der ersten Unebenheit; denken Sie in schwierigen Momenten an die Worte des römischen Dichters Catull:  Perfer et obdura - Bleib standhaft und halte durch!

Sollten Sie eine besonders steile Karriere und ein besonders dickes Portemonnaie anstreben, behalten sie dabei doch immer im Auge, wie leicht die Verführung der Macht und des Geldes auf moralische Abwege und in die menschliche Irre führen kann, daß Glück nicht nur in Äußerlichkeiten, sondern vor allem in inneren Werten besteht, daß, wie Hermann Hesse es treffend formuliert, „der wahre Beruf des Menschen ist, zu sich selbst zu kommen“.

Horazens epikureisches „carpe diem“ ist spätestens seit dem „Club der toten Dichter“ jugendliches Gemeingut geworden. Zwei Wörter nur, und doch, welch eine Philosophie: Das Leben als das große Geschenk der Götter, von dem es jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick zu nutzen, zu genießen, ja auszukosten gilt,  als sei  es der letzte; denn eilig entflieht die neidische Zeit, und kein Mensch weiß, wann ihn das letzte Stündlein ereilt. Der Tod ist allgegenwärtig.

Heute vor 18 Jahren, Klasse 11a, Direktorhaus  I: Burkhard ist tot. Potsdamer Chaussee mit seinem Motorrad auf einen geparkten Laster geknallt. NIE werde ich diesen Tag vergessen.  Auch Fritz, Roland und Stephan,  auf ihrem Motor- und Fahrrad ausradiert, erlebten es nicht mehr, wie ich, zu den Klängen von Herrn Kotschens  „In die Ferne“ das Abiturzeugnis aus Herrn Zöllners und Herrn Arnolds Händen entgegenzunehmen.  Andrea und Jörg kehrten nach dem Abi aus Griechenland nicht mehr zurück - Autounfall.  Sabine,  der Schule Schönste und Berliner Grasski-meisterin, starb an Leukämie; ein anderer ehemaliger Mitschüler kürzlich an Aids. Der Tod hat reiche Lese gehalten in meinem Abijahrgang.

Warum erzähle ich Ihnen dies alles? Weil ich Ihren Mut zwar sehr bewundere, weil mir Ihr Übermut aber auch manchmal Angst und Bange macht; weil ich Sie ein wenig nachdenklich machen möchte; weil ich Ihnen wünsche, daß Sie klug, vernünftig und vorsichtig mit Ihrem Leben umgehen - Sie haben nur dies eine!

Und dies noch dazu in einer Welt, die von ständigen Neuorientie-rungen, Unsicherheiten, Krisen, politischer Ratlosigkeit und Borniertheit, unsinnigem Blutvergießen, Zerstörungen, Flücht-lingsströmen, Hunger, Elend, Naturkatastrophen, Krankheiten, Gewalt, Grausamkeit, Terror,  Drogen, Prostitution, Kindesmi Umweltzerstörung etc. etc. etc. gerüttelt und ge-schüttelt wird; so jedenfalls flimmert es uns Zehlendorfer Wohlstandsinselbewohnern tagtäglich über die heimische Mattscheibe.

Was wir Berliner hingegen hautnah erleben, das ist das deutsch-deutsche Wiedervereinigungsdrama, das ist das deutsch-deutsche Stasi-Trauma,  das ist die Bonn-Berliner Hauptstadt-Tragödie. Die Euphorie des 9. November ist verflogen. Die Mauer in den Köpfen ist stabiler als die aus Stein. West-Abiturienten über Ost-Abiturienten: Die sind schüchtern, angepaßt, diszipliniert, aber auch etwas stur und nervig. Ost-Abiturienten über West-Abiturienten: Die sind locker, frech, reich, selbstbewußt, karrieristisch und berechnend.

In dieser Welt, in dieser Gesellschaft, in diesem wiedervereinigten und dennoch zweigeteilten Staat müssen Sie Ihren Platz finden, sich behaupten, Verantwortung übernehmen. Hier wird sich zeigen, inwieweit die Schule ihrem Bildungsauftrag, Sie zu mündigen Staatsbürgern zu erziehen, gerecht geworden ist. Hier wird sich zeigen, ob Sie es zu schätzen wissen, auf der freien Seite der Mauer geboren zu sein; ob Sie den neuen Mitbürgern vorurteilsfrei, tolerant und hilfreich zur Seite stehen; wie sich die bislang so verwöhnten Berliner Herren der Schöpfung mit der nun fälligen, aber - ach! - so unbequemen Wehrpflicht arrangieren oder auseinandersetzen; ob Sie Politik passiv als etwas nicht zu Änderndes über sich ergehen lassen oder aktiv in sie eingreifen. Im Zweifelsfalle halten Sie sich an Karl Jaspers: „Der einzelne ist mitverantwortlich für das Ganze durch alles, was er tut. Er ist in einem noch so geringen Maße mächtig.“  Im weniger idealen Falle passiert's dann, wie die Geschichte gelehrt hat, frei nach Erich Kästner: „An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“

Wie wird sie wohl aussehen, Ihre Rolle in der Gesellschaft, was wird aus Ihnen geworden sein, im Jahre 2002, beim zehnjährigen Abitreffen? Werden Sie vielleicht auch feststellen, wie Udo Lindenberg: „Letzte Woche war'n Klassentreffen, da sah ich sie wieder, die mißglückten Helden, die jetzt Beamte sind; die Bonnies and Clydes von früher jetzt als Herr und Frau Bieder, die Power von damals ist leider hin. Und Fritz, der Cowboy, wurde nur Manager bei  der Müllabfuhr ...“

Doch zurück von der Zukunftsmusik in die Gegenwart.  Im Hic et nunc gilt vermutlich nur ein Prinzip: Nihil agere delectat. Nichtstun erquickt. Kaum zu glauben, daß der alte Cicero auch solche Sätze von sich gegeben hat. Dies erquickende Nichtstun werden Sie sicherlich bald mit Reisen füllen. Dies zumindestens haben Sie bei Schadows gut gelernt. Sollten Sie demnächst die entferntesten Winkel der Welt zu erforschen suchen, so vergessen Sie bei  aller eventuellen Palmenstrandeuphorie doch nicht die beiden faszinierenden europäischen Kulturmetropolen, die ich Ihnen zur Erweiterung des Horizonts und der Seele immer ganz besonders ans Herz zu legen trachtete: Rom, die ewige Stadt, mit der nahezu 3000-jährigen Geschichte, von der Werner Bergengruen schwärmt: „Wer einmal,  und sei es für eine noch so sparsam bemessene Zeit,  in Rom war, der hat in Jahrhunderten und in Jahr-tausenden gelebt.  Er hat eine Erhabenheit der Anschauung gewonnen, die ihm seine alltäglichen Kleinlichkeiten und Kümmernisse in ihrer Nichtigkeit dartut.“

Und dann, so ganz anders, Paris, diese schillernde Stadt der Künstler und Lebenskünstler, der Eleganz und des savoir vivre, der Adelspaläste und futuristisch-megalomanen Bauformen. Ernest Hemingway hat mit Recht gesagt: „Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst, denn Paris ist ein Fest fürs Leben.“

Dieses und viele andere Feste fürs Leben wünsche ich Ihnen und bin nun still, denn a) meint Thomas Carlyle, daß „Schweigen so tief wie die Ewigkeit, Reden so flach wie die Zeit“  sei und b) wollen Sie ja nun endlich Ihre Abiturzeugnisse entgegennehmen.

Die letzten Worte des Kaisers Augustus kann ich mir allerdings im Hinblick auf Ihren Weggang nun doch nicht verkneifen:
„Klatscht Beifall, Freunde, die Komödie ist zu Ende.“
(Claudia Rapsch)
 

                  Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten!
  
Das große Ziel ist erreicht! Die jahrelangen Mühen haben sich gelohnt; alle Klassenarbeiten und Klausuren sind nicht umsonst geschrieben; das viele Lernen - oft auch lästiger und unendlich ferner Fakten - war nicht vergeblich. Lohnt sich da ein "Blick zurück in Zorn"? Ist es nicht vielmehr an der Zeit, gelegentlichen Ärger und zeitweilige Enttäuschungen zu vergessen, um sich der Stunden zu erinnern, die anregend, spannend oder gar unterhaltend waren in diesen langen dreizehn Jahren? Denn wer sich aufgeschlossen gezeigt hat, konnte erkennen, daß "fröhliche Wissenschaft" nicht unbedingt die Erfindung eines Philosophen ist. Ich muß allerdings bekennen, wie wenig es gerade in meinen Fächern, d.h. in Geschichte und Politik, aber auch in moderner Literatur zu lachen gibt. Aber darauf werde ich später noch zu sprechen kommen, denn wenn Sie heute, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, den sogenannten Schritt ins Leben wagen, wäre es unglaubwürdig, Ihnen einzureden, Sie gingen hinaus "in die beste aller Welten". Viel eher gilt wohl Hamlets Feststellung: "Die Welt ist aus den Fugen." Es ist hier nicht der geeignete Ort, mich mit den erschreckenden Ereignissen des vergangenen Wochenendes auseinanderzusetzen, wenngleich aus dem Blickwinkel der Probleme, die ich hier ansprechen will, das Verbrechen von Solingen als ein Symptom dafür erscheint, daß "etwas faul ist im Staate" Deutschland.

Diejenigen, die mich längere Zeit im Unterricht ertragen mußten, mögen mir verzeihen, wenn ich hier einige Aspekte anspreche, die Ihnen bekannt vorkommen müßten. Aber es erschiene mir unredlich, mich und meine Überzeugungen bei dieser Gelegenheit zu verleugnen. Eine trübe Stimmung hat um sich gegriffen, eine Mischung von Politikverdrossenheit und Kulturpessimismus, eine gefährliche Mischung, die sich bald gegen die Vertreter und Institutionen unseres Staates, bald gegen die Inhalte und Träger unserer Kultur und Bildung richten. Wo liegen die Wurzeln für diese bedenkliche Tendenz? Sie sind vielfältig und keineswegs - das wäre natürlich das Bequemste - bei den Kritikern, Skeptikern und Zweiflern selbst zu suchen. Diese Tendenzen erwachsen aus objektiven Ursachen. Einige von Ihnen möchte ich hier ansprechen.

Da gibt es die Ratlosigkeit und das Ungeschick der Verantwortlichen gegenüber den Herausforderungen im vereinigten Deutschland, ein unüberschaubar weites Feld, das von der Hilflosigkeit gegenüber handfesten materiellen Bedürfnissen bis zum psychologischen Ungeschick beim Umgang mit Menschen reicht. Und es liegt ein anderes, umfassenderes Problem vor. Immer stärker setzt sich bei vielen Menschen die Erkenntnis durch, daß wir an die "Grenzen des Wachstums" gestoßen sind: Die Ressourcen der Erde erschöpfen sich, die moderne Technik kann nicht alle Fragen der Menschheit lösen, die geschundene und ausgeplünderte Natur schlägt vielerorts zurück, und es dämmert in manchen Kreisen die Erkenntnis, daß den technologischen Machern unerbittliche Schranken gesetzt sind, auch wenn interessierte Kreise aus Politik und Wirtschaft uns weiterhin optimistische Trugbilder vorgaukeln. Vielfach werden zwar die Probleme erkannt, aber alle Ansätze zu ihrer Bewältigung gehen in einem Schwall von Phrasen unter. Zuweilen folgt auf richtiges Erkennen ein falsches Handeln, häufig erwächst klaren Einsichten nur wirrer Aktionismus oder dumpfe Tatenlosigkeit.

Hier liegt eine weitere Wurzel des allgemeinen Mißmuts. Ich möchte in diesem Zusammenhang von Kommunikationslosigkeit in einer Zeit uferlosen Geredes sprechen. Kennzeichnend hierfür ist das Phänomen der Talkshow, wo über alles gesprochen aber nichts geklärt wird. Wenn HorvZths Gestalten in ihrem "Bildungsjargon" mit Bruchstücken von Wissen kokettieren, so scheint in den Talkshows und anderswo Unwissen zum Prinzip geworden zu sein; die Sprache dient mit ihren Floskeln, Redensarten und Worthülsen nur noch der Verschleierung der Gedankenarmut und der Bemäntelung der eigenen Unsicherheit. Je häufiger dabei betont wird, man wolle "ganz konkret" etwas aussagen, desto nichtssagender und verwaschener werden die Formulierungen; je öfter behauptet wird, man "gehe von etwas aus", desto eklatanter und offensichtlicher erscheinen die Bodenlosigkeit und Richtungslosigkeit im Denken und Handeln.

"Die heutige Zeit ist eine verkehrte Welt", heißt es einmal bei Horváth, und wenn wir uns mit offenen Augen umsehen, wird diese Aussage vielfältig bestätigt. Die Medien stochern im Privatleben der Politiker, statt deren öffentliches Wirken zu analysieren und zu kritisieren. Die Werbung klärt weder auf, noch erweckt sie Interesse für Produkte, sondern sie stößt in ihrer lächerlichen Aufdringlichkeit nur ab. Die Regisseure unserer Theater inszenieren nicht mehr die Stücke der Autoren, sondern nur noch sich selbst und werden dafür von den Kritikern als "Stückezertrümmerer" gefeiert.
Es hat alles seinen Tiefpunkt erreicht", behauptet eine Gestalt von Thomas Bernhard. Müssen wir uns dieser düsteren Aussage anschließen, oder können wir noch hoffen? Gibt es noch eine Perspektive? Oft muß es scheinen, als habe Thomas Bernhard recht. Gerade vor wenigen Tagen klagte eine Schülerin im Unterricht, sie könne sich nicht vorstellen, "wie das alles weitergehen solle". Und dennoch: Es wäre falsch, vor den schier unüberwindlich wirkenden Bergen von Schwierigkeiten in Resignation zu verfallen. Noch längst haben uns nicht materielle Not und Auflösung der demokratischen Institutionen überwältigt. Der Rückzug ins Private, das alleinige Streben nach Geld, Macht und Karriere wäre die entschieden falsche Reaktion auf die außerordentlichen Herausforderungen unserer Zeit. Das Gefährlichste wäre in diesem Moment, das Feld den "Feinden der offenen Gesellschaft" zu überlassen, all jenen Rattenfängern aus Politik, Sekten und Religionsersatz, die gerade junge Menschen einfangen wollen mit holzschnittartigen Lösungen der Probleme, mit ihren Trugbildern von Geborgenheit in einer diktatorisch geführten Organisation mit totalitärem Anspruch. All diese scheinbar sicheren Wege führen zur geistigen Verödung des einzelnen, zur Auslöschung der Individualität und schließlich zur Zerstörung des freiheitlichen Gemeinwesens. Gerade dieses Schreckbild, das meines Erachtens hinter all den zuvor skizzierten objektiven Mängeln in Staat und Gesellschaft lauert, sollte Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, dazu ermutigen, sich der Flut der bedrohlichen Zeittendenzen entgegenzustemmen. Das muß nicht unbedingt in politischen Parteien und Gewerkschaften sein; auch in Alltag und Beruf gibt es genügend Gelegenheiten, gefährlichen Strömungen zu widerstehen sowie dem Geist richtig verstandener Aufklärung und der Vernunft Wege zu eröffnen und somit Bürgersinn und öffentliche Tugenden zu entfalten.
Sie haben in den letzten Jahren das geistige Rüstzeug erhalten, in dieser Gesellschaft eine verantwortungsvolle Rolle zu übernehmen. Sie wurden mit Wissen ausgestattet und haben die Methoden der geistigen Auseinandersetzung kennengelernt. Machen Sie von Ihren Möglichkeiten in Ihrem weiteren Leben fruchtbringenden Gebrauch. Ihre Aufgabe ist bedrückend groß, und es handelt sich um eine mächtige Herausforderung. Packen Sie diese Aufgabe entschlossen an! Ich wünsche Ihnen dazu viel Mut und Selbstbewußtsein!
(Wolfgang Schelz)

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