Abitur 2004: Montag, 14.6.2004 Verabschiedung der Abiturienten der Schadow-Oberschule

Redner: Lutz Glesczinsky


Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, meine Damen und Herren!

     Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich kurz die Geschichte der Schadow-Oberschule der letzten 100 Jahre zusammenfassen und dabei jeden Lehrer in seinem Werdegang betrachten.
     Ungefähr so rät Kurt Tucholsky einem Redner zu beginnen: Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang!

     Ein weiterer Ratschlag Tucholskys lautet: SPRICH NICHT FREI DAS MACHT EINEN SO UNRUHIGEN EINDRUCK. AM BESTEN IST: DU LIEST DEINE REDE AB. DAS IST SICHER, ZUVERLÄSSIG, AUCH FREUT ES JEDERMANN, WENN DER LESENDE REDNER NACH JEDEM VIERTEL SATZ MISSTRAUISCH HOCHBLICKT, OB AUCH NOCH ALLE DA SIND.
     Auch wenn ich noch nicht abschätzen kann, in welchen Intervallen ich aufblicken werde, vertraue ich darauf, dass Sie alle hier im Saale bleiben, wenn ich rede; schließlich sind wir ja in der Schule.
     Was mich bewogen hat, heute hier zu sprechen, ist die Tatsache, dass ich mich diesem Jahrgang besonders verbunden fühle. Ich bitte dies nicht als klischeehafte Wendung zu verstehen: Von den hier versammelten Schülern habe ich weit über zwei Drittel zu irgendeiner Zeit einmal unterrichtet; besonders hart getroffen hat es diejenigen, die 3 Jahre unter mir als Klassenlehrer und weitere knappe zwei als Tutor und Leistungskurslehrer zu leiden hatten und zudem mit mir noch große Teile Europas (Hamburg, Chorin, Weimar, Österreich, England, Venedig, Florenz, Rom und Polen) bereisten, doch dazu später mehr.
     Ich verweise an dieser Stelle ein weiteres Mal auf Tucholskys Aufsatz: TRINK DEN LEUTEN AB UND ZU EIN GLAS WASSER VOR - MAN SIEHT DAS GERN
     Ich möchte jetzt nicht von der PISA-Krise reden, nicht über Wertverfall, Schulfrust; Überalterung der Kollegien o.ä. klagen , und ich werde auch weder Weisheiten servieren noch Lebensratschläge geben. In den zurückliegenden Jahren haben wir gemeinsam Texte analysiert, interpretiert und kommentiert; z.T. wurde auch heftig über Qualität und Wirkung von Literatur gestritten. Deshalb scheint es mir naheliegend, das zu tun, was fast alle hier anwesenden Abiturienten häufig erlebt haben: Ich möchte in Ihrer Anwesenheit aus der deutschen Literatur zitieren. Also dann:
Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt. Für, die, die den Text nicht erkannt haben: Es handelt sich um den Beginn des 1959 erschienen Romans "DIE BLECHTROMMEL" von Günter Grass, des deutschen Nobelpreisträgers für Literatur
     Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt. Nun, auch wenn es manchmal den Anschein haben mag: Die Schadow-Oberschule ist weder eine Heil-, noch eine Pflegeanstalt, sondern laut Gesetz "eine nicht rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts". Ich sitze hier seit ungefähr 20 Jahren ein, fast alle Abiturientinnen und Abiturienten verbrachten hier knapp 7 Jahre. Im Sommer 1997 saßen Sie, liebe Abiturienten, hier und starrten gespannt auf die Bühne, um zu erfahren, wer nun ihr Klassenlehrer werden würde. Aufgrund einer bekenntnishaften Schrift, die drei vor mir sitzende junge Damen vor einigen Jahren verfasst haben, weiß ich, was in ihren Köpfen vorging, als ich in der Aula erschien: ...wir saßen ziemlich gespannt da und so ungefähr alle dachten, als er auf die Bühne kam: "Bitte nicht der!" Doch manch einer sagte zuversichtlich: "Ach, der kann doch bestimmt auch mal ganz nett sein!", andere eher das Gegenteil. Aber wir bekamen ihn und anstatt uns in der ersten Stunde erst mal ein Gefühl der Sicherheit zu geben und uns von der neuen Schule zu berichten, folgte auf ein "Hallo" und den zungenbrecherischen Namen nur: "Ich bin der schlimmste Lehrer der Schule!" Und diese Aussage bestätigte sich in den folgenden drei Jahren.
     Trotzdem hat die Verfasserin dieser Schmähschrift, Friederike, es noch einige Zeit mit mir ausgehalten. Sie sitzt hier vor mir......; ich erinnere mich noch, welches Kleidungsstück zu Beginn der 7. Klasse von ihr favorisiert wurde: Ein dunkelgrünes Sweatshirt mit einem applizierten Stofftier, dessen Ohren stets lustig wackelten. Nicht weit von ihr entfernt sitzt Luise, die zu dieser Zeit heiße Tränen weinte, weil ich dem Rotationsprinzip folgend die Sitzordnung änderte und Luise ihren Platz in der ersten Reihe räumen musste. In den letzten Jahren war ich es, der den Tränen nah war, wenn sie in der ersten Reihe saß und mich durch intensive Meldungsversuche zu verletzen drohte. Bei Frederik stand im ersten Zeugniskopf: Er zeigt sich am Unterricht häufig stark interessiert und erfreut durch engagierte Mitarbeit; nicht selten hingegen ist er mit unterrichtsfremden Gegenständen beschäftigt und lenkt sich und seine Mitschüler ab. Dies würde ich auch noch heute so formulieren.
     Wenn ich derartiges hier berichte, fühle ich wie Faust, der sagt: Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. Auf der einen Seite freue ich mich für alle, die es geschafft haben und die Schule nun endgültig hinter sich lassen können - auf der anderen Seite fällt es mir schwer, zu realisieren, dass unsere von mir sehr geschätzten Literaturdebatten nicht mehr stattfinden werden. Doch ich hoffe, um ein weiteres Mal aus dem Faust zu zitieren, Ja, aus den Augen aus dem Sinn! wird nicht Ihr Motto sein, sondern Sie werden von Zeit zu Zeit Gelegenheit finden, uns in dieser Anstalt Verbliebene zu besuchen. Wenngleich Sie momentan wahrscheinlich eher wie der Schüler fühlen, der Mephistopheles im Faust Gelehrtenstube gesteht:

In diesen Mauern, diesen Hallen
Will es mir keineswegs gefallen.
Es ist ein gar beschränkter Raum,
Man sieht nichts Grünes, keinen Baum,
Und in den Sälen auf den Bänken
Vergeht mir Hören, Sehn und Denken.

Habe nun, ach! Philosophie, Mathematik und Sport
Und leider auch Geografie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh' ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!

     Sind Sie so klug wie zuvor? Treffen auf Sie die hämischen Schlagzeilen zu, die wie eine späte Rache von Journalisten an ihren ehemaligen Lehrern wirken? Da hieß es:
               Deutschland im Bildungsschock
               Deutsche Schulen müssen nachsitzen
               Schlimmer geht´s nimmer
               Katastrophales Zeugnis für deutsche Schulen
               Deutsche Schulen auf dem Stand Sibiriens.

     Wenn ich Revue passieren lasse, was ich mit Ihnen erlebt und zum Teil auch erduldet habe, dann glaube ich sagen zu können, das Sie mit Ihren Leistungen nicht nur mittelmäßige Ränge bei der OECD-Vergleichsstudie erreicht hätten.
     Dabei war aller Anfang so schwer: Ich erinnere mich, welche Mühen es einigen von Ihnen bereitete, zu verstehen, dass ein erheblicher Unterschied zwischen dem Artikel das und der gleichlautenden Konjunktion besteht. Ich erinnere mich auch lebhaft, dass einige von Ihnen, u.a. Christopher, Ulf und Johannes, im Diktat einen überflüssigen Fehler machten: Sie schrieben das Wort HONIG im Diktat mit "ch" am Ende und versuchten lebhaft mich zu überzeugen diesen Fehler nicht zu werten, da meine Aussprache Sie in die Irre geleitet hätte.

     Offensichtlich sind Sie deutlich klüger als zuvor, denn wie sonst hätten Sie folgende Aufgaben in der schriftlichen Abiturprüfung souverän lösen können? In Philosophie lautete der Auftrag: "Erörtern Sie die sprachphilosophischen Thesen Sternbergers unter Einbeziehung Ihnen bekannter sprachphilosophischer Positionen"; in Mathematik hieß es: "Berechnen Sie die ersten 2 Ableitungen von f und untersuchen Sie Gf auf lokale Extrempunkte und Wendepunkte"; in PW mussten Sie die leitenden Verfassungsprinzipien unseres Grundgesetzes darstellen, und in Deutsch mussten Sie die folgenden Zeilen deuten: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren Sind Schlüssel aller Kreaturen... Diese romantische Prophezeiung der Fesselsprengung trifft auf Sie zu: Ihre Qualitäten werden zukünftig nicht mehr in Zahlen und Figuren, sprich in Noten, Punktetabellen und Prüfungsblöcken gewertet, diese Phase liegt endgültig hinter Ihnen.
     Ich schlage bei Joseph von Eichendorff nach: Eines der von mir und übrigens auch von den Schülern meist zitierten Gedichte lautet:
               Schläft ein Lied in allen Dingen;
               Die da träumen fort und fort,
               Und die Welt hebt an zu singen,
               Triffst du nur das Zauberwort.

Dass die hier versammelten Exschülerinnen und -schüler nicht nur schliefen, sondern zu erstaunlichen selbstständigen und eigenverantwortlichen Dingen fähig sind, wenn man nur das Zauberwort trifft, möchte ich an einer Erfahrung mit dem LK Deutsch aufzeigen.
     Im Juni 2003 folgten wir Goethes Spuren in Italien in der Weise, dass wir uns vor Ort mit seinen Werken in Venedig, Florenz und Rom beschäftigten. Dabei wurde ich in die beneidenswerte Lage versetzt, die Schüler dabei zu beobachten, wie sie ihre Mitschüler informierten, aktivierten und instruierten, und zwar in einer Weise, die Freude und Lernzuwachs verband. Ich erinnere mich an eine gelungene Führung von Niklas durch das Colloseum, an einen geschlechtsspezifischen Sängerwettstreit, zu dem Luisa mit ihrem Referat über Goethes "Venezianische Epigramme" aufgerufen hatte. Übrigens: Die Jungen dichteten quantitativ und qualitativ besser. Ich entsinne mich an eine hervorragendes Referat von Anne und Gesa über Goethes "Tagebuch der Italienischen Reise", das sie im Garten der Villa Medici hielten, und ich denke gerne an unsere Behandlung des III. Aktes von Faust II am Canale Grande im Mondschein zurück. Diese machtvolle Demonstration Ihrer Kompetenzen und Qualitäten ließen mich glücklich nach Deutschland zurückreisen. Aber ich war auch traurig, dass diese Form des Unterrichts an außerschulischen Orten beendet war und fühlte mich wie Heine, der in "Deutschland - Ein Wintermärchen" sagt: Und als ich an die Grenze kam, da fühlt ich ein stärkeres Klopfen, in meiner Brust, ich glaube sogar die Augen begunnen zu tropfen. Mit derartigen Leistungen demonstrierten Sie etwas, was das neue Schulgesetz explizit als Bildungsziele nennt: §4(2) Die Schülerinnen und Schüler sollen insbesondere lernen, 1. für sich und gemeinsam mit anderen zu lernen und Leistungen zu erbringen sowie ein aktives soziales Handeln zu entwickeln, 2. sich Informationen selbstständig zu verschaffen und sich ihrer kritisch zu bedienen.
     Ebenso haben einige von Ihnen eindrucksvoll bewiesen, dass Sie wesentliche Bildungsziele erreicht haben. Sie haben Kreativität und Eigeninitiative und Ihre Teilnahme am öffentlichen kulturellen Leben bewiesen, indem Sie viele Stunden Ihrer Freizeit opferten, um Theateraufführungen und Konzerte in dieser Aula darbieten zu können. Die Liste derer, die derartiges leistete, ist imposant. Besonders beeindruckt hat mich, dass Sie das taten, als alle Noten vergeben waren und Sie Ihre Leistungen auf dem Papier nicht mehr beeinflussen konnten: Sie haben es wirklich um der Sache selbst willen getan, und dafür spreche ich Ihnen meine Hochachtung aus, dass Sie so zur aktiven Gestaltung des Schullebens beigetragen haben. Ein eindrucksvoller Beweis für dieses Engagement wurde heute von Jonathan geliefert. Häufig mussten Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, erdulden, dass ich einen Satz aus Büchners "Woyzeck" zitierte: Ich zitierte den Doktor, der sich an die Schlagader greift und postuliert: MEIN PULS HAT SEINE NORMALEN SECHZIG. Dies tut er zur Veranschaulichung der Tatsache, dass er sich als Anhänger des deutschen Idealismus durch nichts und niemand aus der Ruhe bringen lässt. Häufig war aufgrund gewisser Vorkommnisse in der Schule auch mein Puls beschleunigt und in diesen Situationen sagte ich: "Mein Puls hat seine normalen sechzig". So pflegte eine Schülerin nach den Herbstferien montags immer gegen 8:02 Uhr zum Unterricht zu erscheinen und mir ein ausgesprochen freundliches "Entschuldigung" entgegen zu flöten. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass Lydia in der Kälte nicht mehr Rad fahren wollte und den Bus nahm. Nur kam dieser immer gerade so, dass sie erst knapp nach Unterrichtsbeginn den Klassenraum betreten konnte. Auf meine eher rhetorische Frage, ob sie denn nicht auf die Idee gekommen sei, einen früheren Bus zu nehmen, erwiderte sie: "Nein, dann wäre ich ja Viertel vor acht hier, und das ist viel zu früh." Nun: "Mein Puls hatte seine normalen sechzig". Mein Puls hatte seine normalen sechzig auch, wenn Mobiltelephone im Unterricht klingelten oder wenn in den letzten Wochen nur 6 von 20 Schülern das im Unterricht zu behandelnde Buch mitbrachten. Mein Puls hatte normale sechzig, als ich auf der letzten Kursfahrt um 5 Uhr in der Frühe geweckt wurde, als eine übermüdete Stimme auf dem Flur fragte: "Simon, willst du etwa schon schlafen gehen?" Pulstreibenden Charakter hatte im Übrigen auch die Jagd auf britische Skinheads, die meine Schüler auf der Fähre auf der Fahrt von Hamburg nach Harwich bedrohten. Unter der Mithilfe von Herrn Meier konnten sie aber dingfest gemacht werden.
     Apropos Puls: Wie sehr am Puls der Zeit die Schüler waren, beweist die folgende Episode. Als auf dem letzten Parteitag der SPD Klaus Uwe Benneter zum neuen Generalsekretär gewählt wurde, kommentierte das DER TAGESSPIEGEL auf der Meinungsseite mit einem so genannten Tierzeiler:
"Die größten Kritiker der Elche
Warn früher selber welche"
Zufällig beschäftigen wir uns am nächsten Tag, es war Montag, der 22. März 2004, im Zusammenhang mit moderner Poesie mit solchen Tierzeilern, und die von den Schülern gedichteten Texte werden wohl auf keinem Parteitag Eingang finden, aber vielleicht in der Werbung; ich zitiere hier exemplarisch zwei:
"Es mag der Kranich seine Suppe cremig sahnig"
" Am schönsten sind die Raben, die den Müll recycled haben"
Einige Verse wiesen auch eine Affinität zu Heinz Erhard auf, etwa:
"Die Milchkuh dreht sich rum und rum und haut dabei den Eimer um"
     Lyrische Fähigkeiten kamen auch zum Tragen, als sich Schüler auf die Abiturklausuren im Fach Deutsch vorbereiteten: In Gruppenarbeit entstanden Merkreime, die wichtige Aspekte der deutschen Literatur komprimiert zusammenfassten. Wahrscheinlich kennen alle versammelten Eltern noch die Pennälermerkreime: 333 - bei Issos Keilerei oder Iller, Isar, Lech und Inn fließen rechts zur Donau hin. Altmühl, Wörnitz, Naab und Regen fließen links dagegen. Die hier entstandenen Verse wiesen inhaltlich und ästhetisch sowie funktional ganz andere Qualitäten auf; ich zitiere zwei (das erste Gedicht fasst Leben und Werk von Walther von der Vogelweide zusammen):
Walthers Herkunft ist nicht klar, obwohl er der größte deutsche Minnesänger war.
Er schrieb bedeutende Sangspruchgedichte und ging damit ein in die Literaturgeschichte.
Er machte die Spruchdichtung zum Medium politischer und religiöser Fragen, er wollte so gar nicht wie die anderen Minnesänger klagen.
Er veränderte in seiner Dichtung die Rolle der Frau und stellte sie dann Fürsten- und Adelshäusern zur Schau.
Walther dachte, Reinmar spinne und begründete die ebene Minne.
Georg Büchner wurde 1813 in Darmstadt geboren, doch früh ging er der Welt verloren.
Er beschäftigte sich mit der Geschichte der Französischen Revolution und der Philosophie; doch auch die Medizin vernachlässigte er nie.
Er kämpfte gegen das Schlechte in der Gesellschaft der Menschenrechte. Seine politische Meinung ging an der gewünschten vorbei, darum verfolgte ihn die Polizei.
"Der Hessische Landbote"; "Woyzeck" und "Dantons Tod" brachten Büchner in große Not.
     Eine weitere Erinnerung, die das Soziale, Menschliche und die fürsorgliche Wahrnehmung anderer Menschen an einem Beispiel unter vielen illustriert. Auf der schon angesprochenen Klassenfahrt nach London kehrten wir gegen 23:00 Uhr am letzten Abend in die Jugendherberge zurück, und Herr Meier und ich stellten plötzlich entsetzt fest, dass zwei Schüler fehlten. Wir fanden sie schließlich: Sie hatten für ihr letztes Geld Pizza gekauft und diese in den typischen Verpackungen in das Portal einer Kirche gestellt, damit die dort schlafenden Obdachlosen beim Erwachen etwas zu essen vorfänden. "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut, denn das ist es, was die Menschen von allen anderen Wesen unterscheidet" (Goethe). Der eine der beiden, Marc Dannbeck, wird nächstes Jahr hier sitzen. Der andere war Philip. Philip, das hat mich tief beeindruckt!
     Sehr beeindruckt hat mich auch auf allen Fahrten, dass ich nicht ein einziges Mal wegen Alkohol- oder Drogenkonsums wirklich zum Handeln gezwungen war. Wenn ich das Kollegen anderer Schulen erzähle, treffe ich auf ungläubiges Staunen. Liegt diese Disziplin darin begründet, dass hier verantwortungsbewusste, reife junge Menschen vor mir sitzen? Halten Sie es mit Bettina von Arnim, die sagt: "Aller Geist geht aus der Selbstbeherrschung hervor?" Oder liegt das einfach darin begründet, dass Sie auf den Reisen unbeschwert und zufrieden waren und Narkotika nicht benötigten? Schließlich stellte schon Wilhelm Busch treffend fest: "Es ist ein Brauch von alters her, Wer Sorgen hat, hat auch Likör". Ich möchte noch auf eine Droge zu sprechen kommen, der auch ich mich nicht entziehen konnte, Fußball. Thomas Häßler, Ex-Nationalspieler, der seine Schulzeit hier in Berlin verbrachte, hat in einem Interview bekannt: In der Schule gab´s für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball. Wohl nicht die Höhen, aber ein wichtiger Bestandteil der Pausengespräche waren der nationale und internationale Fußball, und ich werde die sachkundigen, engagiert geführten Diskussionen mit Ihnen sehr vermissen. Schließlich war es auch immer schön für mich, am Ende Recht zu behalten: Werder Bremen ist Deutscher Meister. Übrigens gehen Sie zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Im kommenden Jahre werden die kleinen Pausen auf 10 Minuten verlängert, da bleibt viel mehr für die Auswertung der Spieltage. Aber, und hiermit komme ich auf eine früher gestellte Frage zurück, sind Sie nicht klüger als zuvor, auch auf dem Gebiet des Fußballs? Viele Aussprüche von Spielern wären Ihnen wohl in der Tiefe ihrer Aussagekraft verborgen geblieben, hätten Sie nicht entsprechenden Unterricht erhalten: Ohne Mathematik hätten Sie vermutlich die folgenden Falschaussagen nicht realisiert: Das Tor gehört zu 70 % mir und zu 40 % dem Wilmots oder Der Jürgen Klinsmann und ich, wir sind ein gutes Trio (etwas später dann) Ich meinte: ein Quartett oder im Zusammenhang mit der Frage der Erhöhung der Bezüge: Ein Drittel? Nee, ich will mindestens ein Viertel. Ohne Deutschunterricht hätten Sie die Tautologie der Aussage von Mario Basler nicht erkannt: Das habe ich ihm dann auch verbal gesagt. Und ohne Geografieunterricht hätten Sie wahrscheinlich Möllers Aussage einfach zur Kenntnis genommen: Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien. · Der Gerechtigkeit halber muss ich hier anfügen, dass auch der Unterricht in der Schadow-Oberschule vor derartigen Fauxpas nicht schützt. Mein ältester Sohn Kai, der 1996 hier aus den Händen von Herrn Mier sein Abiturzeugnis überreicht bekam, stand mit mir vor vier Jahren am Abflugschalter vor unserem Flug nach Venedig. Kurz vor dem Einchecken sagte er zu mir: "Ich freue mich total auf Venedig, nur blöd, dass ich kein Wort Französisch spreche!"
     Ich hoffe, wir finden heute Abend auf dem Ball noch Gelegenheit, die eine oder andere Anekdote auszutauschen. Wie Sie sehen, habe ich eine Eintrittskarte und möchte diese jetzt multifunktional benutzen: Ich zeige Ihnen die Rote Karte und verweise Sie dieses Spielfeldes, Schule geheißen. Aber wie Spieler dürfen auch Sie einmal das Feld wieder betreten, vielleicht als Gast, vielleicht als Praktikantin oder Praktikant, vielleicht als Kollegin oder Kollege, auf eine Tasse Kaffee oder einfach mal so.
     Vielen Dank

 
   
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