Abitur 2002: Donnerstag, 20.6.2002 / Stunde Null für 99 Abiturienten der Schadow-Oberschule

Rednerin: Frau Hilpert


Liebe Abiturientinnen,liebe Abiturienten,liebe Eltern, liebe Kollegen, sehr geehrte Prüfungskommission: ich begrüße Herrn Mier, Frau Drewek und besonders Herrn Morsch; liebe Frau Brose, liebe Frau Löhr ! Liebe Abiturienten ! Stunde Null?

Die Anrede ist im Moment noch juristisch falsch; erst wenn Sie das Dokument des Abiturzeugnisses in Ihren Händen halten, ist die Verwandlung vom Schüler zum Abiturienten vollzogen. Welche Verwandlung ??! Das lange angepeilte Ziel rückte in den letzten Schuljahren immer näher, mit freiwilligen und unfreiwilligen kleinen Umwegen und auch mühsamer Erkundung von Sackgassen(garnicht immer uninteressant), aber zuletzt doch haben Sie frei und willig die Zielmarke nicht mehr aus den Augen verloren, im rasant erhöhten Tempo die Hürden Schriftliches und Mündliches Abitur genommen und können heute entspannt und stolz Ihre Medaille in Empfang nehmen:Meine herzliche Gratulation an Sie alle !

Welch ein Moment, welch eine Entspannung !! Für Sie persönlich, für Ihre Eltern, für uns Lehrer; welche Freude am Ziel !Wir alle haben gezogen, geschubst, gebremst, wir alle haben getragen, mal mehr, mal weniger, wir haben uns auch manchmal verhoben, was nicht verwunderlich ist bei der komplizierten Lastenverteilung privat, gesellschaftlich, schulisch und bei dem doch gleichzeitig vorhandenen tiefen Wunsch zur Verantwortung, die wir uns als Eltern, Geschwister oder Lehrer zugemutet haben. Sich Verantwortung zumuten, ist für jeden , gelinde gesagt, eine Zumutung, denn Wagnis und Risiko sind in hohem Maße gleich eingeschlossen : meint das Wort Verantwortung denn schon den Zustand der bereits gefundenen Antwort - oder erst den Zustand des Antwort-Suchens ??; letzteres (das Antwort-Suchen) wäre ja recht gewagt beim geg.Versprechen, Verantwortung zu übernehmen. Die Zeit der gelernten, paraten Antworten ist vorbei, nicht erst jetzt nach Schulschluss. Die Zahl der paraten Antworten bezüglich zwischenmenschlicher Probleme ist ,meine ich, geschrumpft. Stattdessen haben die Fragen an Zahl erheblich zugenommen. Wie kann man den Mut eines Menschen stärken, den Mut, Vertrauen zu entwickeln in die eigene Fähigkeit für kommende Lebensfragen Antworten zu finden ??? Sehr bescheidene, sehr persönliche und soweit möglich sehr eigene Antworten ?? Die Ziellinie, die wir heute feierlich mit Ihnen überschreiten, gibt uns als Eltern und Lehrer in aller Bescheidenheit das Gefühl, etwas beigetragen zu haben zu Ihrem erfolgreichen Endspurt --- besonders durch Erziehungsaufgaben solcher Art, die "EIGENES" gefordert haben, um die Person zu formen und zu stärken im Bewusstsein, eine eigene, originelle Antwort oder Lösung nicht nur erdenken,sondern praktisch formen zu können. Eindrücke,Vorstellungen,Visionen sind wichtige Vorstufen zur Gestaltfindung als Antwort. Der erste deutsche Erziehungswissenschaftler, Ernst Christian Trapp, fragte schon 1780: "Wie hast du alles dies anzufangen bei einem Haufen Kinder, deren Anlagen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Neigungen, Bestimmungen verschieden sind, die aber doch in einer und eben derselben Stunde von dir erzogen werden sollen ?" Individuelle Begabungen, soziale Unterschiede, einheitliche Maßstäbe, gleiche Behandlung, gerechte Bewertung, Bildungsstandards == alles bekannt, doch sehr paradox.Ergebnis: Die Arbeit der Erziehung ist ein Leben mit Paradoxien und Widersprüchlichkeiten. Ob solch ein bewusstes Leben mit Widersprüchlichkeiten wenn auch nicht einfach, aber doch existenziell möglich ist ??? Diesen berechtigten Fragen und Zweifeln stellen sich Eltern und Lehrer mit ihrem täglichen Einsatz; dass solch ein Leben mit Einbrüchen von Irrationalität, d.h. Verlust an Rationalität, wie wir es im Laufe Ihres letzten Schuljahres alle erleben mussten, dass solch ein paradoxes Leben zu neuer Kreativität zwingt, zeigt die Geschichte in exemplarischen, z.T.jahrtausendealten Antworten aus Kunst und Wissenschaft, die wir bestaunen. Egal, wie zufrieden Sie mit Ihrer persönlich erzielten Bestzeit heute sind, liebe Abiturienten, die in Noten vermerkten Einlaufzeiten berichten von persönlichem Einsatz und z.T. hartnäckigen Gefechten mit den Widersprüchlichkeiten des Systems Erziehung. Erziehung ist keine Technik !! Erziehung ist eine Kunst !! Ideen gibt es " in Hülle und Fülle ": Schule als Lebens- + Orientierungsraum; Integration + Leistung in der Schule der nahen Zukunft; Wertevermittlung - Etwas kleiner vielleicht ?? Lernen,mit Angst und Misserfolg umzugehen, mit Enttäuschungen zu rechnen; Widersprüche auszuhalten; Vor allem:nicht an den" Schwächen" + "Fehlern" der Kinder vorbei-erziehen. Solange die Leistungskurswahl nach wirtschaftlicher Verwertbarkeit vorgenommen wird, hat die Wertevermittlung in der Schule wenig gebracht. Wenn Werte eine vor-Rang-ige Kategorie, ein Standard der wirtschaftlichen Verwertbarkeit in der Gesellschaft bleiben sollen, müssen in der Schule ORTE,ATMOSPHÄRE,RUHE + SICHERHEIT angestrebt und geboten werden, undzwar von Schülern und Lehrern gemeinsam --- eine Diskussion über Faust ODER Computer, Informatik ODER Picasso, Philosophie ODER Kopfstand ist dann überflüssig. Schule kann Heranwachsenden Bezugspunkte zur Orientierung nur bieten, wenn - als Modell denkbar - die Werte als Ziel im Schulmittelpunkt, die Neigungen der Schüler als Verbindungslinien zum Fächerangebot, die Fächer der Schule in Verbindung mit der beruflichen Praxis in der Gesellschaft verstanden, geformt und strukturiert werden, bedeutet: Verknüpfung von Theorie und Praxis auf beiden Ebenen,in Schule und Gesellschaft, zwischen Schule und Gesellschaft. Unser höchstes Gut in der Erziehung ist der Mensch; unser höchster Erziehungswert:: MENSCHLICHKEIT. Bei aller Berechnung der wirtschaftlichen Verwertbarkeit des Abiturergebnisses bitte ich doch um Respekt vor den Grenzen des eigenen geistigen und seelischen Leistungsvermögens und um Anerkennung und Achtung für den Berufsweg ohne Abitur. Oft wird das Abitur als wichtige Station vor dem Lebens- und Berufsweg beschrieben: vor dem Berufsweg ? einverstanden! Vor dem Lebensweg ? nein, sind doch die Jahre bis zum heutigen Tag der letzten Schulzeugnisausgabe wichtige, fundament-tal wichtige Lebenszeit, Zeit der Übung, des Austausches, des Miteinanders, des Prüfens, Probierens und Experimentierens, des Warm-Machens , als stärkende Vorbereitung für das "berufliche Danach",-- leider oft in Form des Gegeneinanders, der Konkurrenz, des Überbietens,des Schlagabtausches, des Kalt-Machens. Was heißt "Eigenes" fordern ? Ein Beispiel aus der Praxis: Im Fach Kunsterziehung stellt der Lehrer viele Fragen, deren Antworten er im Detail nicht kennt. Deshalb muss der Schüler auch weniger korrigiert werden im Sinne von Richtig und Falsch, denn mit seinem kleinen eigenständigen Werk formuliert er eine mögliche Antwort. Um das Kriterium Originalität zu erfüllen, muss der Schüler wiederholt trainieren, seinen gedanklichen Faden zum Ausgangspunkt der gestellten Aufgabe maximal zu belasten, - nicht zu überdehnen, da sonst die Kraft der Aussage geschwächt und sein "Werk" für Andere unverständlich wird. Eine solch verstandene Erziehung dient niemals der Vereinfachung oder Gleichmachung des Menschen, sondern dient seiner sehr personbezogenen, individuellen Differenzierung. Die hierfür erforderlichen Aufgabenstellungen sind , meine ich, alles andere als "globalisierend" und "grenzenlos": Im Gegenteil, Verkleinerung des Problemfeldes, Eingrenzung des Arbeitsmaterials, Beschränkung auf wenige valide Bewertungskriterien, die Beobachtung von Gesetzmäßigkeiten im kleinsten Detail, der Punkt als Denkansatz für zielgerichtete, kreative Lösungen. Die Bereicherung durch konzentrierte Beobachtung der Strukturen im Kleinsten eröffnet Variationsmöglichkeiten und damit ungeahnte Ausdrucksmöglichkeiten. Das meint Paul Klee mit dem Satz: "Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern sie macht sichtbar". Und der Drang, etwas sichtbar machen zu wollen, von dem, was wir gesehen, betrachtet, verstanden und erkannt haben,--was durch alle unsere Sinne gefiltert als "Erfahrung" bezeichnet werden kann, der Drang, diese paradoxen und unfertigen Erfahrungen auszutauschen, verbindet uns alle, Schüler, Eltern und Lehrer im Prozess der Erziehung, aktiv oder passiv, denn keiner der an diesem Prozess Beteiligten ist mit sich fertig, die Positionen wechseln ständig und verlangen Achtung dem Anderen gegenüber oder dem anderen Gegenüber. Eltern und Lehrer werden zu Schülern, Schüler werden zu Lehrern.Die stetige Verwandlung ist das Grundprinzip der Erziehung, das von uns allen hohe Verantwortung und Sympathie dem Wandel gegenüber verlangt. Gesetze, Organisationsformen, Systemeinstellungen und Optionen müssen sich dem Wandel der Bewegung, der Improvisation stellen! Standpunkte der Generationen müssen unterschiedlich ausfallen; so gesehen ist meine Vorstellung, meine Skizze von Schule: Schule als einer der spannendsten Orte in der Gesellschaft !!! - eine Wunschvorstellung ?? eine Vision, die trägt, wie man sieht (schon etwas länger!)

Ein Gedanke von Goethe zum Schluss:


Wozu dient alle der Aufwand,
von Sonnen, Planeten und Monden,
von Sternen und Milchstraßen,
von gewordenen und werdenden Welten,
wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch
unbewusst seines Daseins erfreut ?


 
 
Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten ! Gehen Sie mit Ihren Lebensskizzen behutsam um ( nicht zu schnell zerknüllen und wegwerfen! ), diese Skizzen verbergen oft schon einen Schimmer vom Ziel !
   
 
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