Liebe Schülerinnen und liebe Schüler, liebe Eltern!
Wir, die Lehrerinnen und Lehrer der Schadow-Schule, gratulieren Ihnen noch einmal und wollen Abschied nehmen! Sie werden hoffentlich zufrieden sein mit dem, was Sie erreicht haben, und Sie dürften wohl auch stolz sein auf Ihr Abitur, während wir im Rückblick zwar auch zufrieden sind, aber uns macht Wehmut zu schaffen. Das möchte ich eingangs gesagt haben, damit es am Ende leichter wird. Also es war, wie ich meine, eine gute, eine sehr gute Zeit mit Ihnen.
Bei der Vorstellung, ein letztes Mal das Wort an Sie zu richten und zum ersten Mal von einem wirklichen Pult aus, das heißt ex cathedra , stürzt eine Flut von Dingen, die unbedingt noch zur Sprache kommen müssen, über mir zusammen, mit geradezu testamentarischer Gewalt. Nicht ohne einen kleinen Hintersinn sage ich, daß es sich um 700 unabweisbare Stichwörter handelt, die in den nächsten knapp 30 Minuten zu bewältigen sind notdürftig gebündelt. (Und wer bis zum Ende gut aufpaßt, der wird jenem kleinen Hintersinn auch noch auf die Spur kommen.)
Den gesamten Verlauf unseres Lebens in einen einzigen Satz zu pferchen, das machte, als er 23 Jahre alt war, Jakob Michael Reinhold Lenz, ein Schriftsteller des 18. Jahrhunderts. In der Absicht, die Dinge so illusionslos wie möglich darzustellen, türmte er Lebensetappe auf Lebensetappe und errichtete folgendes Satz-Gebäude:
Wir werden geboren unsere Eltern geben uns Brot und Kleid unsere Lehrer drücken in unser Hirn Worte, Sprachen, Wissenschaften irgendein artiges Mädchen [oder munteres Kerlchen] drückt in unser Herz den Wunsch, es eigen zu besitzen, es in unsere Arme als unser Eigentum zu schließen, wenn sich nicht gar ein tierisch Bedürfnis mit hineinmischt es entsteht eine Lücke in der Republik, wo wir hineinpassen unsere Freunde, Verwandte, Gönner setzen an und stoßen uns glücklich hinein wir drehen uns eine Zeitlang in diesem Platz herum wie die andern Räder und stoßen und treiben bis wir [ ]abgestumpft sind und zuletzt wieder einem neuen Rade Platz machen müssen das ist, meine [Damen und] Herren!, ohne Ruhm zu melden, unsere Biographie [ ] Haben sich Ihre Freunde, Verwandten und Gönner schon gerührt oder werden sie noch ansetzen, um Sie in eine Lücke der Republik hineinzustoßen? Die in ihrer Wortwahl so nüchterne, wenn nicht gar depressiv wirkende Diagnose des Jakob Michael Reinhold Lenz zeugt gleichwohl von gehöriger Zuversicht, denn er kann offenbar davon ausgehen, daß für jeden , der da wartet, irgendwann eine Lücke in der Republik entstehen wird, wo man hineinpaßt. Die einen gehen aufs Altenteil, die Jüngeren rücken nach. Wo und wie aber entstehen heute die nötigen Lücken in der Republik? An Rentnern und Pensionären mangelt es bekanntlich nicht, und von Staat und Wirtschaft werden fraglos Anstrengungen unternommen, um über Teilzeitbeschäftigungen und Vorruhestandsregelungen zusätzliche Lücken entstehen zu lassen.
Lenz kannte weder die grassierende Arbeitsplatzvernichtung aufgrund des technologischen Fortschritts und der gesteigerten Profitinteressen, noch erlebte er, daß neue Berufsfelder wie Pilze aus dem Boden schossen. Es herrschte eine beschauliche Stagnation, und in ihr taten sich immer wieder jene Lücken auf. Aber auch damals sah es nicht rosig aus. 10 Jahre nach Lenzens Tod bemühte sich Friedrich Hölderlin, seinen Lebensunterhalt als Lehrer zu bestreiten, und er fand und fand keine Lücke in der Republik. Schließlich bekam er von einem Gönner die Empfehlung, sich als Hauslehrer außerhalb der Landesgrenzen zu verdingen, nämlich bei einem deutschen Konsul in Bordeaux, also nahe der französischen Atlantikküste. Über diese Entfernung konnte ihn sein Gönner nicht einfach wie eine Billardkugel in jene Arbeitsstelle "hineinstoßen", und mit der Postkutsche dorthin zu kommen, wäre zwar möglich gewesen, es reichten aber die finanziellen Mittel dafür nicht ganz aus. Friedrich Hölderlin brach dennoch im Dezember 1801 von Stuttgart nach Lyon auf; teils wanderte er, teils ging es mit Kutschen und Fuhrwerken. Den Rest der Strecke, die 600 Kilometer von Lyon nach Bordeaux, hat er "zum größten Teil oder ganz zu Fuß [ ] in 19 Tagen zurückgelegt und dies über den Nordhang der Auvergne, im Januar durch den Schnee ".
Sie alle werden diesen gewaltigen Marsch sicherlich beachtenswert finden, ob Sie ihn aber zutiefst zu würdigen wissen, das steht dahin. Im Grunde wird das nur denen unter Ihnen möglich sein, die mit auf der Klassenfahrt der 9 d waren und sich im Juni 1995 also fast auf den Tag genau vor 4 Jahren in Osttirol in bewundernswerter Tapferkeit Schritt für Schritt zur Neuen Prager Hütte emporkämpften, und zwar 1000 Höhenmeter in tiefstem, aufgeweichtem Schnee. Diejenigen also unter ihnen, denen das Schicksal es verwehrt hatte, bei diesen Strapazen dabeigewesen zu sein, mögen sich bei den Helden der 9 d gleich im Anschluß an diese Entlassungsfeier erkundigen, was "Lebenskampf" und "Zielstrebigkeit" wirklich heißt, denn ich möchte es hier kurz machen und Ihnen nur ans Herz legen, nie Hölderlins Winterwanderung zu vergessen, wenn Sie eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle suchen und nicht gleich glücklich in irgendeine Lücke hineingestoßen werden.
Jakob Michael Reinhold Lenz empfand die skeptisch-sachliche Betrachtungsweise unserer Existenz, die Sie eben vernommen und die er so betont freudlos dargeboten hat, natürlich nicht als einen Abglanz wahrer Lebensphilosophie, obwohl man mit der betreffenden Einstellung sein Dasein fraglos gut einrichten konnte, nein , es grauste ihn, und er fuhr in seinem Text fort: "Aber heißt das gelebt ? Heißt das, seine Existenz gefühlt [ ] ? Ha , er muß in was Besserem stecken, der Reiz des Lebens: denn ein Ball anderer zu sein ist ein trauriger, niederdrückender Gedanke, eine ewige Sklaverei [ ] Was lernen wir hieraus?" fragte er, und seine Antwort knallte er geradezu auf den Tisch: "Das lernen wir hieraus, daß handeln, handeln die Seele der Welt sei, nicht genießen, nicht empfindeln, nicht spitzfündeln" [ ] Hölderlin handelte, als er nach Bordeaux ging.
Wie die Kollegen in den Parallelklassen, so habe ich vor gut 3 Jahren im Deutschunterricht der 10a und der 10d, also etwa der Hälfte von Ihnen, die Sie nun die Schullaufbahn beendet haben, von Angesicht zu Angesicht beigebracht, wie man richtig zitiert, daß man mit Anführungszeichen den Vorwurf des geistigen Diebstahls und mit Auslassungspünktchen in eckigen Klammern den des Fälschens verhindert. Und dabei habe ich auch das gemacht, was Lenz und Sie gar nicht so gut fanden, nämlich das Spitzfündeln. Man braucht aber keineswegs spitzfündig zu sein, um das, was ich mir eben beim Zitieren des Lenz-Textes geleistet habe, als absolut unstatthaft anzuprangern. Bei Lenz heißt es: "Irgendein artiges Mädchen drückt in unser Herz den Wunsch, es eigen zu besitzen, es in unsere Arme als unser Eigentum zu schließen [ ]" Beim Vorlesen dieser Zeilen korrigierte ich die Ungleichbehandlung der Geschlechter, indem ich unter anderem neben jenes "artige Mädchen" einen Jungen plazierte, der aber nun aus Gleichheitsgründen bzw. der unerbittlichen Grammatik wegen ein Neutrum sein mußte, ein männliches Wesen, das sich nicht sträubt, wenn "es" in unsere Arme geschlossen wird. Und so schleuste ich ein "Kerlchen" ein. Parallel zu dem artigen Mädchen brauchte es dann auch noch ein Attribut, und damit Sie nicht zu schnell Verdacht schöpften aber wie sollten Sie auch! , bemühte ich mich, ein ebenso passendes Etikett zu finden, also eine Klischee-Vorstellung zu lancieren. So steht neben Lenzens artigem Mädchen als blinder Passagier ein munteres Kerlchen, zumal es im Folgenden auch noch gebraucht wird.
Gleichheit und Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ! Läßt sie sich überhaupt herstellen sei es rückwirkend, sei es gegenwärtig, sei es künftig , ohne daß es irgendwo hapert oder gar Verwerfungen gibt? Ich greife auf ein unscheinbares Beispiel zurück: Vor ein, zwei Jahrzehnten hätte ich Sie wohl nicht als "liebe Schülerinnen und liebe Schüler", sondern schlichtweg als "liebe Schüler" begrüßt, und Anke, Berta und Cäcilie hätten das vermutlich völlig in Ordnung gefunden. Was hat sich geändert? Zählt Cäcilie nicht mehr zu den lieben Schülern? Es hat sich etwas geändert, allerdings nicht viel. Ich nehme an, daß Cäcilie nach wie vor zufriedener ist, wenn gesagt wird, daß sie zu den 20 besten Schülern von ganz Berlin gehöre, als wenn es hieße, daß sie zu den 20 besten Schülerinnen des Landes zähle, genauso wie Ingeborg Bachmann oder Jutta Limbach sich wohl nicht gern damit begnügen würden, stets nur zu den berühmtesten Lyrikerinnen bzw. zu den klügsten Richterinnen gerechnet zu werden, denn nichts hat sich geändert an den Grundkategorien von SEXUS einerseits und GENUS andererseits. Neben dem biologischen steht unverrückbar das nur grammatische Geschlecht eines Wortes. Gleichwohl, liebe Schülerinnen und Schüler, übernahm und übernehme ich die inzwischen geläufig gewordene Form der Anrede und bekenne damit, daß die seit eh und je herrschende Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, wo immer sie sich heute noch zeigt, des einverständigen Gegensteuerns bedarf und daß dieser Akt des Gegensteuerns einen Widerschein finden muß und ggf. auch einen Tribut verlangen darf. Ich nehme es also in Kauf, wenn die vorzunehmenden Korrekturen nicht hundertprozentig stimmig sind oder stilistische Angestrengtheiten darstellen.
Der Versuch, Gleichheit bzw. Gerechtigkeit konkret und praktisch herzustellen sei es im öffentlichen oder sei es im privaten Bereich , wird selten auf Anhieb rundum gefällige und von allen akzeptierte Lösungen hervorbringen. Und wenn speziell Sie, liebe Abiturientinnen, sich einmal genötigt sehen werden, Ihre Stimme in Sachen "Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern" zu erheben, so ist nicht auszuschließen, daß sie schrill klingen wird. Ich meine, sie darf es, und zugleich wünsche ich Ihnen, daß Ihnen der Wohlklang nicht abhanden kommt. Wenn also dereinst bei einem artigen Mädchen und gleichermaßen bei einem munteren Kerlchen der Wunsch besteht, sich wechselseitig als ein "Eigentum" zu verstehen, und wenn sich da (wie Lenz es ausdrückt) "ein tierisch Bedürfnis mit hineinmischt" und wenn dann beide diesem Bedürfnis freien Lauf lassen, dann werden mit gewisser Wahrscheinlichkeit nach geraumer Zeit innerfamiliäre Arbeitsteilungen notwendig, die hoffentlich so gestaltet werden können, daß nicht der eine Partner dauerhaft die bekannte Doppelrolle übernimmt und der andere sich allein seinem Beruf zuwendet. Meine Damen und Herren, es gibt Biographien, mit denen "Ruhm zu melden" wäre !
Ich möchte mit Ihnen nun einen Schritt weitergehen und das begrenzte Terrain des Jakob Michael Reinhold Lenz verlassen. Lenz prangert weidlich die Passivität des allzu gewöhnlichen privaten und beruflichen Lebens an, aber die große Formation, der wir immer schon und von vornherein völlig tatenlos angehören Staat, Nation, Land nimmt er nicht in den Blick. Zwei Generationen später verlangt Heinrich Heine ungleich größere Stücke von uns, wenn er politische Fragen aufwirft und im Vorfeld der 48er-Revolution das so harmlos-biedermeierliche Deutschland geißelt, und zwar angesichts der Tatsache, daß die Franzosen wenns drauf ankam stets bereit und fähig waren, auf die Barrikaden zu gehen.
Ich berichte Ihnen nun von einer Auseinandersetzung in einem DEUTSCH-Kurs, der sich im vergangenen Herbst erstmals mit der Lyrik von Heinrich Heine bzw. mit den ersten 3 Strophen eines Gedichts befaßte, das nichts von Heines üblicher Eleganz, sondern nur daherholpernde Ironie enthält:
Wir schlafen ganz, wie Brutus schlief
Doch jener erwachte und bohrte tief
In Cäsars Brust das kalte Messer!
Die Römer waren Tyrannenfresser.
Wir sind keine Römer, wir rauchen Tabak.
Ein jedes Volk hat seinen Geschmack,<
Ein jedes Volk hat seine Größe;
In Schwaben kocht man die besten Klöße.
Wir sind Germanen, gemütlich und brav,
Wir schlafen gesunden Pflanzenschlaf.
Und wenn wir erwachen, pflegt uns zu dürsten,
Doch nicht nach dem Blute unserer Fürsten.
Heinrich Heine gab diesem Gedicht die Überschrift: "Zur Beruhigung", bei uns gab es Unruhe und niemand von Ihnen, der dabei gewesen war, wird das vergessen haben. "Wir alle sind doch schließlich Germanen", wurde von der ersten Schülerin gesagt, "und da zieht er so über uns her?" Ein anderer pflichtete auf seine Weise bei und grummelte: "Sehr, sehr merkwürdig." Und eine Dritte setzte allem gleich die Krone auf, indem sie sich folgendermaßen verwahrte: "Wer noch ein Fünkchen ehrlichen Nationalstolzes in sich trägt, kann sich das doch nicht so einfach bieten lassen!" Nun meldete sich die nicht-patriotische Fraktion des Kurses zu Wort. Zuerst wurde vergleichsweise defensiv versucht, der Empörung den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem dargelegt wurde, daß es sich doch nur um die übliche Philister- und Spießerkritik handele. Diese relativ milde Reaktion reichte aber nicht aus, und eine weitere Schülerin sah sich genötigt, nicht nur beschwichtigend zu argumentieren, sondern darüber hinaus mit einer ultimativen Formulierung alles klarzumachen: Es stimme einfach, sagte sie, was Heine da vorbringe. Die Deutschen seien nun mal so. Zum Beispiel die Revolution von 1848. Die hätten die Deutschen und ich gebe die Formulierung der Schülerin absolut wortgetreu wieder "einfach nur verkackt", ja, "einfach nur verkackt"! Das saß !
Ich deutete mit keinem Wort und keiner Miene an, daß man sich gemeinhin doch eines gehobeneren Vokabulars bedienen solle, denn ich fand es trotz der sprachlichen Niederung irgendwie nett gesagt, zumal mir Heines Kritik an der Muffigkeit der damaligen deutschen Verhältnisse nicht unsympathisch war. Die meisten Fürsten und Heinrich Heine wollte keinen von ihnen ermorden lassen scherten sich nicht um die von der Heiligen Allianz auf dem Wiener Kongreß feierlich gegebene Zusicherung, daß die mehr oder minder tyrannischen bzw. absolutistischen Herrschaftsverhältnisse in den deutschen Bundesstaaten ein gut Stück demokratischer werden sollten, indem jeweils Verfassungen einzurichten wären. In der übergroßen Mehrzahl der Länder geschah nichts dergleichen, das Verfassungsversprechen wurde gebrochen, und die Deutschen arrangierten sich untertänigst mit der Willkürherrschaft. Heinrich Heine empfand das als Schande und antwortete mit jenem kleinen poetischen Mahnmal, das natürlich nicht "Zur Beruhigung", sondern zur Irritation des Selbstwertgefühls der Deutschen führen sollte. Und offenbar gelingt das bis zum heutigen Tag.
Zu allem Überfluß hatte wenige Tage vor jener Debatte in unserem DEUTSCH-Kurs Martin Walser in Frankfurt seine ebenfalls Unruhe stiftende Rede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gehalten und sich dabei auch auf eine Willkürherrschaft bezogen auf die nationalsozialistische. Er beteuert, man könne nicht ständig der eigenen Schande das Wort reden oder gar ihre "Monumentalisierung" durch einen Denkmalsbau betreiben wollen, und Walser glaubt feststellen zu können und davor warnen zu müssen, daß Auschwitz in Form einer "Dauerpräsentation" wie eine "Moralkeule" eingesetzt werde; man hindere das deutsche Volk am Empfinden seiner "Normalität", wenn Auschwitz auf die bisherige Weise thematisiert werde. Ich meine, daß sich hier etwas Dramatisches ereignet hat: Martin Walser stellt das Verlangen, einem wie er sagt "ganz normalen Volk" anzugehören, über alles , stattet seine Sehnsucht mit einem kämpferischen Vokabular aus, und so kommt dann fast unversehens dieser großmäulige Beschwerde-Ton von einer Auschwitzschen "Moralkeule" zustande, die da angeblich irgend jemand schwinge.
Ich will mir nicht vorstellen, daß Sie, wo die meisten von Ihnen mit Ihren PW-Kursen das Vernichtungslager Auschwitz / Birkenau aufgesucht haben, im Sinne von Martin Walsers Befürchtungen eine "Pflichtübung" absolvierten und sich dabei in irgendeiner Weise instrumentalisiert fühlten; alles, was ich vor Ihren Fahrten und im Anschluß daran hörte, spricht dagegen, und ich male mir aus, daß Sie sich aufgrund eines gleichsam natürlichen moralischen Empfindens auf eine ähnliche Weise gefordert sahen, wie es vor 20 Jahren ein Redner von sich selbst feinsinnig und hellhörig bekundete, als er eine Ausstellung von Zeichnungen, die seinerzeit von Konzentrationslager-Häftlingen gefertigt worden waren, mit folgenden Worten eröffnete:
"Ich möchte immer lieber wegschauen von diesen Bildern. Ich muß mich zwingen hinzuschauen. Und ich weiß, wie ich mich zwingen muß. Wenn ich mich eine Zeitlang nicht gezwungen habe hinzuschauen, merke ich, wie ich verwildere. Und wenn ich mich zwinge hinzuschauen, merke ich, daß ich es um meiner Zurechnungsfähigkeit willen tue." Hier ist tatsächlich von Moral die Rede und folglich von keiner Keule. In dem monatelangen Gewirr der Empfindungen und Äußerungen über die Walsersche "Moralkeule" und die angeblich durch sie abgeblockte "Normalität" hat der Berliner Bischof Wolfgang Huber den wohl besten Rat gegeben, damit nicht jegliche Orientierung verloren geht: Über ein allergrößtes Verbrechen meinte er könne verantwortungsvoll nur das gesagt werden, was auch am Ort des Verbrechens selbst sich sagen ließe. Ein würdiges Wort !
Die überzeugende Rede von der "Zurechnungsfähigkeit", aus der ich eben zitierte, hielt übrigens vor 20 Jahren kein anderer als Martin Walser und zwar in Auschwitz. Wie gesagt, es hat sich meines Erachtens etwas durchaus Dramatisches ereignet, wenn der Wunsch, einem "ganz normalen Volk" anzugehören, fordernd und herrisch daherkommt.
Liebe Schülerinnen und liebe Schüler, ich habe die Mühen der Berufsfindung bzw. die Mühen, dereinst in Lohn und Brot zu kommen, ausgemalt und wünsche Ihnen Ausdauer und Tatkraft; ich habe das Problem der Gleichberechtigung angesprochen und wünsche Ihnen Gerechtigkeitsempfinden samt der entsprechenden Handlungsbereitschaft; ich habe die deutsche Geschichte als eine Hypothek dargestellt und wünsche Ihnen Anstand und Wahrhaftigkeit.
Gehe ich fehl, wenn ich mir einbilde, daß Sie in den vergangenen 13 Schuljahren so viel erlebt, gelesen und gelernt haben, daß von diesen Wünschen genug in Erfüllung gehen wird? Eigentlich wäre es jetzt angebracht, in einem Rückblick Aussagen darüber zu treffen, was sich in Ihrer Schulzeit tatsächlich ereignet und wie sich als Resultat nach und nach Ihre Reife herausgebildet hat. Ich traue mir das nicht zu. Wer könnte ein wirklichkeitsgetreues Protokoll auch nur eines einzigen Tages von dieser monströsen, länger als ein Jahrzehnt sich erstreckenden kollektiven Lernveranstaltung, die wir den schulischen Bildungsgang nennen, erstellen? Kein Mensch. Aber ich kann Ihnen zum Schluß das Protokoll eines Traumes vorlesen. Ich habe nämlich von Ihnen geträumt!
Träume preiszugeben birgt ein Risiko, weil die Deutungen sehr unterschiedlich und mitunter geradezu vernichtend sind für den Träumer. Aber seis drum. Ich träumte vom Schulbetrieb, und der Inhalt ist überraschend eindeutig, jedenfalls was Sie betrifft. Die Botschaft des Traumes besteht nämlich darin und das ist ein sehr schönes Ergebnis , daß Sie vollkommen selbständig handeln, daß Sie keine falsche Beflissenheit zeigen, daß Sie souverän speziell mit Überforderungen umgehen, daß Sie sich auch für die persönlichen Dinge Ihrer Mitmenschen (in diesem Falle Ihrer Lehrer) interessieren, daß Sie freimütig Fragen stellen, daß Sie mit einem gewissen Frohsinn auf Nichtsnutzigkeiten reagieren, daß Sie sich am Eigentum anderer nicht vergreifen und daß Sie nicht nur umgänglich, sondern auch noch pünktlich sind also grundanständige und lebenstüchtige Menschen.
Wie es sich für ein ordentliches Traumprotokoll gehört es gibt da gewisse Regeln, die einzuhalten sind , fertigte ich es noch vor dem betreffenden Frühstück an. Und so schrieb ich taufrisch und gewissenhaft die folgende Wahrheit nieder, die nun ganz am Ende und unwiderruflich für alles einstehen muß:
Ich gehe um 8 Uhr mit dem Klingeln in den Klassenraum. Alle befinden sich an ihren Plätzen. Der Raum ist sehr groß, in sich vielgestaltig und geht über in die Flure und Hallen des gesamten Gebäudes. Frau Brose und Frau Braasch sitzen nicht in ihrem Sekretariat, sondern mittendrin an einem der Tische. Ich lasse die Schüler das Geschichtsbuch, das den Stoff von der Französischen Revolution bis zum 1. Weltkrieg umfaßt, herausnehmen und setze Gruppenarbeit an. Die Schüler sollen die allerletzten Seiten des Buches aufschlagen. 9 Gruppen müssen die 700 Stichwörter des Registers unter sich aufteilen und sollen den betreffenden Stoff erarbeiten. Alsbald blättern die Schüler im Buch, lesen etwas, machen Striche, reden miteinander, stehen auf, gehen herum, kucken aus dem Fenster, gehen zum Getränkeautomaten. Sie sind freundlich. Ich gehe auch herum, gehe ins Lehrerzimmer und hole 3 DUDEN, stelle sie auf die Tische, gehe dann zur Turnhalle in den Lehrer-Umkleideraum, ziehe mir meine luftgepolsterten Sportschuhe an, nehme die Stoppuhr und gehe wieder in den Klassenraum. Alle meine Sachen liegen auf dem Tisch, das Geschichtsbuch, meine Brille, mein Portemonnaie. Das Portemonnaie haben die Schüler während meiner Abwesenheit aufgemacht und darin gekramt. Sie fragen mich, wozu ich denn den kleinen Sitzplan da in meinem Portemonnaie brauche, wo ich sie doch so lange schon kennen würde. "Ich brauche den gar nicht", sage ich, "nur, wenn mal Eure Eltern in die Sprechstunde kommen, dann kann ich denen ganz genau zeigen, wo Ihr sitzt." Die Geldscheine hinter dem Sitzplan interessieren die Schüler nicht. Die Stunde ist weit fortgeschritten. Die Augen von Frau Brose und Frau Braasch werden immer größer. Dann kichern zwei Mädchen neben mir, und ich höre, wie sie tuscheln: "Der macht in der ganzen Stunde nichts mehr!" Mir wird mulmig. Alles sieht so aus wie in einem Ferien-Camp. Ich nehme die Stopp-Uhr in die Hand und sage, daß sich jetzt alle hinsetzen und das Geschichtsbuch nehmen sollen, denn es würde gleich klingeln. Sie sollen speziell die Seiten von der Revolution von 1848 aufschlagen. "Wißt Ihr, was das für eine Revolution war? Das war überhaupt keine Revolution!" rufe ich und fahre fort: "Da passierte überhaupt nichts. Genau wie in dieser ganzen Stunde. Einfach alles verkackt! Alles verkackt! Und das dürft Ihr nie vergessen!"