Beringung unserer Turmfalken am 7.6.1999
 
  Wir trafen uns um 7.30 Uhr in der noch menschenleeren Schule. Drei Schüler durften mit auf den Turm, außerdem war ein Reporter von der Morgenpost mit dabei. Zunächst ging es bis unter die Kuppel des Turmes. Dort erklärte uns Herr Schlottke vom Vogelschutzbund, was im weiteren geschehen sollte. Die jungen Falken sollten einen farbigen Jahresring und einen metallenen Ring mit einer Nummer erhalten. 
Für das Jahr 1999 ist die Farbe weiß vorgesehen, das Falkenweibchen trug einen gelben Ring von 1998 und das Männchen einen schwarzen von 1997. Die Beringung mit Jahresringen wird erst seit 1996 vorgenommen, in diesem Jahr war die Farbe blau gewesen. 
Nun sollte es losgehen. Zuerst mußte Herr Schlottke leise nachsehen, ob einer der Altvögel im Nest war. Würden nämlich alle auf einmal nach oben steigen, so könnte es passieren, daß der Altvogel beim überstürzten Abflug ein Junges mit sich reißt. Doch die Jungen waren allein und wir stiegen das letzte Stück in völliger Dunkelheit nach oben. Zum Beringen und Fotografieren nahmen wir die Pappen vor den Fenstern weg. Die Fenster in der Kuppel des Turmes müssen abgedunkelt sein, damit die Turmfalken nicht sehen können, ob innen jemand steht. Kritisch ist besonders die Brutzeit. Auch Geräusche sind sehr störend für Turmfalken, dabei ist es unerheblich, ob normalerweise Glocken direkt neben dem Nest läuten oder ein anderer Lärm verursacht wird. Die Falken achten auf Geräusche, die sie nicht kennen. Unterhält man sich neben dem Nest während ein Altvogel kommt, muß man das Gespräch in gleichmäßiger Lautstärke fortführen, egal, was man sich erzählt. Wichtig ist, daß es keine abrupten Geräuschveränderungen gibt. 
Um zu verhindern, daß die Jungvögel nach vorne aus dem Nest fliehen oder die Altvögel ins Nest kommen, machte Herr Schlottke die vordere Klappe zu. Dabei darf höchstens ein Spalt von 4 cm frei bleiben, schon bei 5 cm können sich die Falken durch den Spalt zwängen. 

                

Da die etwa 20 Tage alten Jungfalken noch nicht fliegen können, wäre das ihr sicherer Tod. Doch bereits in ca. 10 Tagen ist das Federkleid vollständig und die Falken fliegen aus. Aus dem Gelege mit sechs Eiern sind vier Falken geschlüpft, ein Ei lag noch im Nest. Wie eine anschließende Kontrolle zeigte war es unbefruchtet gewesen. Ein solches Brutergebnis ist völlig normal. Die Turmfalken legen ihre Eier im Abstand von mehreren Tagen. Dabei werden sie nicht bebrütet. Erst später beginnt das Weibchen zu brüten, dann darf aber keine Unterbrechung mehr erfolgen. Hat sich erst einmal ein Embryo gebildet, stirbt er unwiderruflich, wenn das Ei abkühlt. Daher darf in diesem Zeitraum keine Störung der Falken zugelassen werden. 
Die Jungfalken tragen nun ihr zweites Federkleid. Das erste war weiß, das zweite ist braun mit schon sichtbaren Zeichnungen und vielen Flaumfedern. Eine Flaumfeder kann aus bis zu 20 einzelnen Federn bestehen. 

                                             

Die Zeichnungen tragen die Falken etwa ein Jahr, das macht sie als Jungfalken erkennbar. Dann erst tritt die spezifische Färbung von Männchen und Weibchen auf. Zum Beringen nahm Herr Schlottke einen jungen Falken aus dem Nest und drückte dann mit der Zange den Metallring um das linke Bein. Der Ring muß richtig herum sein, damit man ihn auch lesen kann, er muß rund sein und beweglich am Bein sitzen. Schon nach einer Stunde beachten die Falken den Ring nicht mehr. Die Beine des Falken werden nur noch dünner. An dem rechten Bein wird der weiße Kunststoffring befestigt, er wird mit Aceton zusammengeklebt. Beim Beringen muß man sehr ruhig arbeiten, jede Unruhe überträgt sich auf den Jungvogel, bei dem die Krallen den gefährlichsten Teil darstellen. Bei den Altvögeln ist auch der Schnabel gefährlich, er hat sehr scharfe Kanten und wird nach dem Hacken noch herumgedreht. An der Schnabelspitze befindet sich der "Falkenzahn", der es den Falken ermöglicht auch kleine Federn beim Gefiederputzen festzuhalten. Wird ein Falke bedroht, zeigt er sein Warnverhalten: er reißt den Schnabel auf und faucht und legt sich zur Verteidigung auf den Rücken. Damit hat er beide Füße und den Schnabel frei. Die Fußkralle kann bis zur Mitte der Kralle nach innen greifen, so kann der Falke auch kleinste Käfer festhalten. Andererseits hat er aber auch eine erstaunliche Krallenspannweite.

Bei zwei jungen Falken fand Herr Schlottke eine Federfliege im Gefieder. Sie lebt parasitär im Falkengefieder und ist sehr widerstandsfähig. Die Federfliege ernährt sich von Blutresten an den Federkielen und kann die Falken bei starkem Befall schwächen. Zwei Fliegen sind aber noch kein Anlaß zur Besorgnis.

An den jungen Turmfalken zeigte uns Herr Schlottke, daß ein Falke, der etwas im Blick fixiert hat, den Kopf immer so hält, daß er genau diesen Punkt anvisiert. Bei dem zuerst beringten Jungfalken klappte dieser Mechanismus noch nicht so gut, aber die anderen konnten es schon. Man kann den sitzenden Falken etwas auf und ab und seitwärts bewegen, der Kopf gleicht die Bewegung aus, er bleibt an derselben Stelle. Diese Fähigkeit benötigen die Turmfalken, wenn sie auf Beutejagd sind. Wenn man einen rüttelnden Falken fotografiert, ist der Kopf scharf und der Körper verwackelt.

In der Westhälfte Berlins gibt es 200 Turmfalkenpaare, die Beringungskosten werden vom Vogelschutzverein bezahlt. Eine Beringung kostet etwa 200 DM. Das liegt daran, daß die Nummer der Ringe noch etwa 15 Jahre in der Kartei geführt werden muß. Die durchgängigen Nummern werden vom Vogelwarte zugeteilt. Geht beim Beringen ein Ring verloren, wird er aus der Kartei gestrichen. So zum Beispiel der zweite Ring bei unseren Turmfalken. Während Herr Schlottke den Falken zurück ins Nest setzte, fiel der Ring auf den Boden und verschwand irgendwo. Dafür gibt es den Ausdruck "Ringverlust im Turm". Anhand der Nummern können die Falken weltweit identifiziert werden. Die meisten Falken aus Berlin bleiben auch in Berlin, zum Teil sind aber auch Jungvögel in Hamburg oder München gesichtet worden, sogar in Algerien oder Tunesien 1800 km entfernt wurden Turmfalken aus Berlin gesehen. Diese kehren nicht mehr zurück. Zur Jagd sind Turmfalken nicht geeignet, sie fangen nur Mäuse, Spatzen und manchmal auch Mauersegler oder ähnliche Vögel. Insbesondere Jungspatzen sind unaufmerksam, so daß die Falken jetzt praktisch im Futter stehen: Im Nest können sich tote Mäuse ansammeln, weil die Jungen nicht soviel fressen können, wie die Altvögel fangen.
Ihre Eier legen Turmfalken ohne Nistmaterial zu sammeln auch auf blankes Blech. Dabei können die Eier natürlich leicht herunterrollen und schneller kalt werden. Besser ist es, wenn etwas Mulch im Nest ist, das Falkenweibchen scharrt sich dann mehrere Kuhlen und entscheidet sich dann beim Eierlegen für eine. Das Beringen von Turmfalken ist relativ ungefährlich, Habichte oder Waldkäuze hingegen greifen sehr gefährlich an. 

Es war sehr interessant, die Turmfalken aus solcher Nähe zu erleben und an diesem seltenen Ereignis teilzunehmen. Ich kann allen nur empfehlen, sich auch einmal mit diesen faszinierenden Tieren zu beschäftigen. 

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