Um
zu verhindern, daß die Jungvögel nach vorne aus dem Nest fliehen
oder die Altvögel ins Nest kommen, machte Herr Schlottke die vordere
Klappe zu. Dabei darf höchstens ein Spalt von 4 cm frei bleiben, schon
bei 5 cm können sich die Falken durch den Spalt zwängen.
Da
die etwa 20 Tage alten Jungfalken noch nicht fliegen können, wäre
das ihr sicherer Tod. Doch bereits in ca. 10 Tagen ist das Federkleid vollständig
und die Falken fliegen aus. Aus dem Gelege mit sechs Eiern sind vier Falken
geschlüpft, ein Ei lag noch im Nest. Wie eine anschließende
Kontrolle zeigte war es unbefruchtet gewesen. Ein solches Brutergebnis
ist völlig normal. Die Turmfalken legen ihre Eier im Abstand von mehreren
Tagen. Dabei werden sie nicht bebrütet. Erst später beginnt das
Weibchen zu brüten, dann darf aber keine Unterbrechung mehr erfolgen.
Hat sich erst einmal ein Embryo gebildet, stirbt er unwiderruflich, wenn
das Ei abkühlt. Daher darf in diesem Zeitraum keine Störung der
Falken zugelassen werden.
Die
Jungfalken tragen nun ihr zweites Federkleid. Das erste war weiß,
das zweite ist braun mit schon sichtbaren Zeichnungen und vielen Flaumfedern.
Eine Flaumfeder kann aus bis zu 20 einzelnen Federn bestehen.
Die
Zeichnungen tragen die Falken etwa ein Jahr, das macht sie als Jungfalken
erkennbar. Dann erst tritt die spezifische Färbung von Männchen
und Weibchen auf. Zum Beringen nahm Herr Schlottke einen jungen Falken
aus dem Nest und drückte dann mit der Zange den Metallring um das
linke Bein. Der Ring muß richtig herum sein, damit man ihn auch lesen
kann, er muß rund sein und beweglich am Bein sitzen. Schon nach einer
Stunde beachten die Falken den Ring nicht mehr. Die Beine des Falken werden
nur noch dünner. An dem rechten Bein wird der weiße Kunststoffring
befestigt, er wird mit Aceton zusammengeklebt. Beim Beringen muß
man sehr ruhig arbeiten, jede Unruhe überträgt sich auf den Jungvogel,
bei dem die Krallen den gefährlichsten Teil darstellen. Bei den Altvögeln
ist auch der Schnabel gefährlich, er hat sehr scharfe Kanten und wird
nach dem Hacken noch herumgedreht. An der Schnabelspitze befindet sich
der "Falkenzahn", der es den Falken ermöglicht auch kleine Federn
beim Gefiederputzen festzuhalten. Wird ein Falke bedroht, zeigt er sein
Warnverhalten: er reißt den Schnabel auf und faucht und legt sich
zur Verteidigung auf den Rücken. Damit hat er beide Füße
und den Schnabel frei. Die Fußkralle kann bis zur Mitte der Kralle
nach innen greifen, so kann der Falke auch kleinste Käfer festhalten.
Andererseits hat er aber auch eine erstaunliche Krallenspannweite.
Bei
zwei jungen Falken fand Herr Schlottke eine Federfliege im Gefieder. Sie
lebt parasitär im Falkengefieder und ist sehr widerstandsfähig.
Die Federfliege ernährt sich von Blutresten an den Federkielen und
kann die Falken bei starkem Befall schwächen. Zwei Fliegen sind aber
noch kein Anlaß zur Besorgnis.
An
den jungen Turmfalken zeigte uns Herr Schlottke, daß ein Falke, der
etwas im Blick fixiert hat, den Kopf immer so hält, daß er genau
diesen Punkt anvisiert. Bei dem zuerst beringten Jungfalken klappte dieser
Mechanismus noch nicht so gut, aber die anderen konnten es schon. Man kann
den sitzenden Falken etwas auf und ab und seitwärts bewegen, der Kopf
gleicht die Bewegung aus, er bleibt an derselben Stelle. Diese Fähigkeit
benötigen die Turmfalken, wenn sie auf Beutejagd sind. Wenn man einen
rüttelnden Falken fotografiert, ist der Kopf scharf und der Körper
verwackelt.
In
der Westhälfte Berlins gibt es 200 Turmfalkenpaare, die Beringungskosten
werden vom Vogelschutzverein bezahlt. Eine Beringung kostet etwa 200 DM.
Das liegt daran, daß die Nummer der Ringe noch etwa 15 Jahre in der
Kartei geführt werden muß. Die durchgängigen Nummern werden
vom Vogelwarte zugeteilt. Geht beim Beringen ein Ring verloren, wird er
aus der Kartei gestrichen. So zum Beispiel der zweite Ring bei unseren
Turmfalken. Während Herr Schlottke den Falken zurück ins Nest
setzte, fiel der Ring auf den Boden und verschwand irgendwo. Dafür
gibt es den Ausdruck "Ringverlust im Turm". Anhand der Nummern können
die Falken weltweit identifiziert werden. Die meisten Falken aus Berlin
bleiben auch in Berlin, zum Teil sind aber auch Jungvögel in Hamburg
oder München gesichtet worden, sogar in Algerien oder Tunesien 1800
km entfernt wurden Turmfalken aus Berlin gesehen. Diese kehren nicht mehr
zurück. Zur Jagd sind Turmfalken nicht geeignet, sie fangen nur Mäuse,
Spatzen und manchmal auch Mauersegler oder ähnliche Vögel. Insbesondere
Jungspatzen sind unaufmerksam, so daß die Falken jetzt praktisch
im Futter stehen: Im Nest können sich tote Mäuse ansammeln, weil
die Jungen nicht soviel fressen können, wie die Altvögel fangen.
Ihre
Eier legen Turmfalken ohne Nistmaterial zu sammeln auch auf blankes Blech.
Dabei können die Eier natürlich leicht herunterrollen und schneller
kalt werden. Besser ist es, wenn etwas Mulch im Nest ist, das Falkenweibchen
scharrt sich dann mehrere Kuhlen und entscheidet sich dann beim Eierlegen
für eine. Das Beringen von Turmfalken ist relativ ungefährlich,
Habichte oder Waldkäuze hingegen greifen sehr gefährlich an.
Es
war sehr interessant, die Turmfalken aus solcher Nähe zu erleben und
an diesem seltenen Ereignis teilzunehmen. Ich kann allen nur empfehlen,
sich auch einmal mit diesen faszinierenden Tieren zu beschäftigen.